25 Jun 08

Ondamaris hat in der Vergangenheit mehrfach über die Veröffentlichung der Schweizerischen Eidgenössischen Kommision für Aidsfragen (EKAF) zur Infektiösität unter einer erfolgreichen HAART-Therapie und die Reaktion beziehungsweise Nicht-Reaktionen hierauf berichtet. Insbesondere deutsche Präventionsstellen tun sich mit dem Statement aus der Schweiz unglaublich schwer. Zuletzt hat sich die Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA), Elisabeth Pott, zu diesem Thema geäußert. Ondamaris schreibt:

Frau Professor Dr. Elisabeth Pott befasste sich in ihrer Rede zur Eröffnung der Frankfurter ‘Ethik-Konferenz’ am 19. Juni 2008 auch mit dem Statement der Eidgenössischen Aids-Kommission und den Folgen für die Prävention. Mit den Risiken, weniger den Chancen. Welche Gefahren bewegen Frau Professor Pott? Nun, das sagte sie recht deutlich. Gefährlich seien am Statement der EKAF die -so wörtlich- “Entwarnungs-Effekte”.

Es soll also weiterhin gewarnt, und nicht entwarnt werden. Was bedeutet dieses ‘warnen’. Nun, mit der Warnung vor einem Infektionsrisiko und, im Kontext der Äußerung von Frau Pott, einem Infektionsträger, also einem Menschen oder einer Gruppe von Menschen, soll die Verantwortlichkeit klar bestimmt werden. Pott warnt hier vor Menschen, nämlich den HIV-positiven Menschen mit erfolgreicher Therapie, und macht so deutlich, dass bei eventuell doch vorkommenden Übertragungen genau diese Menschen verantwortlich zu machen sind.

Diese Sichtweise ist nicht nur unethisch, sie ist auch schon im Ansatz fehlerhaft.

Wenn Menschen miteinander interagieren, sei es im Straßenverkehr, sei es beim Geschlechtsverkehr, bringt das Risiken mit sich. Diese Lebensrisiken sind vielfältig. Gleichwohl werden bestimmte Risiken im Alltagsleben nicht mehr besonders erwähnt oder wahrgenommen, teilweise schlichtweg ignoriert, während andere Risiken schamlos dramatisiert werden. HIV ist so ein überzogen dargestelltes Risiko. Und ich kann mich nach wie vor des Eindrucks nicht erwähren, dass mit dem Einschlagen auf HIV-positive Menschen, wohl wissend, dass keine Deckungsgleichheit besteht, die Gruppe der schwulen Menschen getroffen werden soll. Jedenfalls wird allzu gerne der Eindruck erweckt, als ginge von schwulen Menschen ein besonderes Lebensrisiko aus. Auf diese Art und Weise wird schlagzeilenträchtig von Risiken abgelenkt, die die Gesamtbevölkerung in weitaus größerem Ausmaß tangieren.

Ein paar Beispiele, die ich zwar nicht mit Zahlen belegen kann, die aber dennoch das Problem verdeutlichen:

Es gibt Menschen, die mit Grippeerkrankungen oder grippeähnlichen Infekten öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Durch Husten oder Niesen stecken sie in vollbesetzten Bussen oder Bahnen in kurzer Zeit eine Vielzahl von anderen Menschen an. Der volkswirtschaftliche Schaden durch die dadurch hervorgerufene Verminderung der Arbeitskraft und die Krankheitskosten dürfte immens sein. Dennoch warnt niemand vor diesen Infektionsträgern und es wird niemand für die Weiterverbreitung von Grippe- oder Erkältungskrankheiten verantwortlich gemacht, obgleich das Infektionsrisiko drastisch verringert werden könnte, wenn die erkrankten Menschen einfach ein paar Tage zu Hause bleiben würden. Im Gegenteil: Sie werden gelobt, weil sie sich trotz der schlimmen Erkältung zur Arbeit schleppen.

Nicht wenige Menschen meinen, nachdem sie den ganzen Sommer über bequem vor dem Fernseher saßen, im Winterurlaub das große Skiass geben zu müssen. Die Verletzungsquote bei diesen und anderen Hobbysportlern ist hoch und der volkswirtschaftliche Schaden durch oftmals lange Genesungszeiträume dürfte ebenfalls erheblich sein. Auch hier warnt niemand.

Die Teilnahme am Straßenverkehr bringt, wir können es jeden Tag in den Medien mitverfolgen, unüberschaubare Risiken mit sich. Selbst wenn alle Verkehrsteilnehmer sich umsichtig und der jeweiligen Verkehrssituation angepasst verhalten, lassen sich Unfälle nicht vermeiden. Zudem vergeht kein Tag ohne durch leichtfertiges, grob fahrlässiges oder sogar vorsätzliches Verhalten verursachte Unfälle, oft mit Todesfolge. Die Kölner Justiz hatte in der Vergangenheit mehrfach sogenannte Ringraser abzuurteilen – und ließ es regelmäßig bei milden Strafen bewenden. Offensichtlich werden Risiken, wenn sie der Gruppe der Autofahrer zuzuordnen sind, als unvermeidbar, beziehungsweise hinnehmbar bewertet.

Jeder kennt diese Risiken des Alltagslebens. Wer aus dem Haus geht, weiß dass er sich dabei Erreger von Erkältungskrankheiten einfangen kann und wird in etwa ermessen, was das für ihn bedeutet. Sport birgt Verletzungsrisiken, auch dass ist allgemein bekannt. Wer am Straßenverkehr teilnimmt, weiß dass es durch eigenes oder fremdes Verschulden zu Unfällen mit tragischen Folgen kommen kann. All diese Risiken nehmen wir in kauf, die einen mehr und die anderen weniger; wir lassen uns nicht dazwischen reden. Wenn wir eine Straße überqueren, auf der sich Fahrzeuge nähern, gehen wir das Risiko eines Zusammenstoßes ein. Mal erscheint dieses Risiko groß, mal erscheint es klein. Manche Menschen sind risikoscheu und warten, bis kein Fahrzeug mehr in Sichtweite ist, andere lieben den Nervenkitzel und lassen die Fahrzeuge näher kommen, bevor sie loslaufen. Einem Außenstehenden steht es nur begrenzt zu, dieses Verhalten als vernünftig oder unvernünftig zu beurteilen. Ich habe hierzu meine Sicht der Dinge in ’selbst schuld’ dargelegt.

Risiken sexueller Interaktion sind jedoch nicht allgemein bekannt. Sie werden im Alltag nicht ‘erlebt’. Zwar wird viel über Sex geredet (meistens dummes Zeug) und Pornos sind allgegenwärtig: Nicht aber Informationen über STIs (sexuell transmitted infections). Hier findet die Präventionsarbeit ihre Aufgabe. Anders als in Bezug auf den Straßenverkehr oder Erkältungskrankheiten wird in den Familien oder im Freundeskreis über STIs kein Wissen weitergegeben. Verkrampften Weltanschauungen und Glaubensauffassungen ist es geschuldet, dass dieses wichtige Themengebiet in der Schamecke versteckt wird. Es gilt Aufklärungsarbeit zu leisten, nicht nur, aber insbesondere in den Schulen.

Es ist jedoch nicht Aufgabe der Prävention, nicht Aufgabe der BzgA und anderer, Entscheidungen zu treffen, die den höchstpersönlichen Lebensbereich betreffen. ‘Aufklären’ ist etwas anderes als ‘warnen’. Wer aufklärt, der informiert, wer ‘warnt’ ersetzt allzu oft fehlendes Wissen durch einen Glaubenssatz.

Wer informiert, hilft persönliches Risikomanagement zu betreiben, wer warnt, ohne Kondom zu ficken, verführt, das Gegenteil zu tun.

Die Warnungen und Ratschläge eines mir vertrauten Menschen, von dem ich annehmen kann, dass er es gut mit mir meint, berücksichtige ich. Professorale Sprüchlein jedoch sind höchst verdächtig – insbesondere dann, wenn sie wie im Fall Pott eine einseitige Verantwortungsverlagerung vornehmen.

Wer trägt denn bei konsensualem Sex, bei dem keiner der Beteiligten grob fahrlässig oder vorsätzlich schädigendes Verhalten im Sinn hat, die Verantwortung für die Gesundheit der Beteiligten?

Jeder für sich selbst!

Ich meine die Überschrift dieses Posts ernst! Und ich füge hinzu: Ich will ohne Gummi ficken!

Ich will aber auch gesund bleiben. Ich darf im Moment mit sehr großer Wahrscheinlichkeit, jedoch nicht mit Sicherheit, davon ausgehen, keine STIs zu haben. Ich halte nichts von den Horrorszenarien, die über STIs und die durch sie verursachten Erkrankungen (aus ‘Gründen der Warnung’?) gezeichnet werden. Vieles davon entspricht wohl nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Es gibt Krankheiten, vor denen ich viel mehr Angst habe, als vor einer HIV-Infektion. Dennoch nehme ich STIs nicht auf die leichte Schulter, denn auf die vielen großen und kleinen Probleme, nicht nur gesundheitlicher Natur, auch im Verhalten der lieben Mitmenschen, verzichte ich gerne.

Konkret bedeutete das vor der EKAF-Veröffentlichung für mich: Wenn ich davon ausgehen konnte, dass mein Sexpartner definitiv (!) keine STIs hat, kam ungeschützter Sex in betracht. Diese Voraussetzung hat bisher nur einer erfüllt. Allein die mündliche Versicherung eines mir ansonsten unbekannten Mannes reichte mir nicht. Hatte ich also keine Gewissheit, blieb es bei risikolosem oder risikoarmem Sex. Beim Sex mit jemandem, von dem ich wusste, dass er HIV-positiv ist, galten ohnehin die gebräuchlichen Safer-Sex-Regeln. Ich will nicht verschweigen, dass der Sex mit HIV-positiven Männern oft der angenehmere war; nicht zuletzt, weil es keine Diskussionen über die Benutzung von Kondomen gab. HIV-negative Männer, und die, die sich dafür halten, verstehen oft nicht, was das mit dem Gummi soll. Da aber ausschließlich ich selbst für meine Gesundheit verantwortlich bin, bestimme auch ich allein, welchen Risiken ich mich aussetze, und welchen nicht.

Was ändert nun die EKAF-Mitteilung? Nun, ich kann mich bei HIV-positiven Männern, mit denen ich Sex habe, nach deren Therapiestand erkundigen. Bekomme ich die Antwort, dass die Therapie erfolgreich verläuft und Viren nicht nachweisbar sind, kann ich vorsichtig fragen, ob der Betreffende, zu risikobehafteteren Spielereien bereit wäre. Vorsichtig fragen! Denn: In so einer Situation stelle ich wohl das ‘größere Risiko’ dar. Ein HIV-positiver Mann kennt seine gesundheitliche Situation aufgrund regelmäßiger medizinischer Untersuchungen meistens recht gut. Ich jedoch kann nur auf einen Zustand zu einem zurückliegenden Stichtag verweisen. Was in der Zwischenzeit passiert ist, ob ich mich mit irgendetwas infiziert habe, weiß ich im Zweifel gar nicht. Ich setze also meinen HIV-positiven Sexpartner dem Risiko einer Mehrfachinfektion, der Übertragung einer anderen STI oder sonstigen, für ihn möglicherweise gefährlichen Infektionen aus. Nicht er ist das Risiko, ich bin es!

“Du bist HIV-positiv? Willst Du Sex mit mir?”, so wäre es richtig!

Alle Safer-Sex-Maßnahmen und auch eine erfolgreiche HAART-Therapie mit Virenlast unter der Nachweisgrenze können nach heutigem Kenntnisstand die Möglichkeit eine HIV-Übertragung nicht vollständig vermeiden. Das Risiko, dauerhafte, schwerwiegende gesundheitliche Beeinträchtigung durch einen Unfall im Straßenverkehr oder beim Sport oder als Opfer einer Gewalttat zu erleiden, dürfte jedoch ungleich größer sein, als das es zu einer HIV-Übertragung kommt.

Risikomanagement bedeutet nicht nur, Risiken zu vermeiden, sondern auch Risiken bewusst einzugehen. Dass eine wie das andere ist nur informierten, nicht aber verängstigten Menschen möglich.

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