Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein coming out? Je früher, desto besser? Je später, desto besser? Ich weiß es nicht. Den richtigen Zeitpunkt kann wohl nur jeder für sich selber finden oder verpassen.
Vielleicht wird der Begriff ‘coming out’ auch überbewertet. Und vielleicht wird auch dem damit verbundenen Vorgang, sich öffentlich zu seinem Schwulsein zu bekennen, eine überzogene Bedeutung beigemessen. Zu einem Glauben (und damit einem Irrtum) kann man sich bekennen, zu einem Kind (und damit einem anderen Menschen) kann man sich bekennen, man kann sich schuldig bekennen (im Sinne eines Geständnisses). Aber kann man sich auch zu seiner eigenen Identität bekennen?
Ich halte es für viel wichtiger, die eigene Identität zu finden. Und Identität in diesem Sinne umfasst bei weitem nicht nur die Frage nach der sexuellen Ausrichtung, sehr wohl aber die Frage, wie man mit der eigenen sexuellen Ausrichtung umgeht, was sie bedeutet, welche Auswirkungen sie auf das eigene Empfinden, Fühlen und Denken hat, wie man Zuneigung ausdrückt und empfindet.
Das ist zunächst einmal alles nichts für die Öffentlichkeit. Erst wenn man sich über sich selbst, über seine Identität klar ist, lohnt es sich, darüber nachzudenken, welche Einblicke man anderen Menschen in das eigene Ich gewähren will und auf welche Art und Weise es geschehen soll. Der eine bevorzugt die große Show, den großen Auftritt. Man kann es aber auch manch heterosexuellem Menschen gleich tun, der seine Heterosexualität aufdringlich zur Schau trägt (und sich damit auf seine Heterosexualität reduziert). Oder man versucht es den Menschen, die einem wichtig sind, und die vielleicht Schwierigkeiten mit dem Thema habe, behutsam nahe zu bringen. Vielleicht versucht man auch eine Mischung aus allem. Wichtig erscheint mir, dass man sich nicht plakativ zu irgendetwas ‘bekennt’, sondern dass man anfängt, die eigene Identität zu leben – und zwar nach eigenen Maßstäben, nicht nach den Erwartungen des näheren Umfeldes oder der Öffentlichkeit. Das bedeutet übrigens kein radikales Anderssein, sondern vielmehr die Einbeziehung und Verarbeitung der Ansichten der Menschen, die einem wichtig sind. Anderen Menschen ohne Not vor den Kopf zu stoßen, dient nur begrenzt der Verwirklichung und Abbildung der eigenen Identität.
Und es bedarf, mit Blick auf die schwierige Situation auf weiten Teilen unseres Planeten, wohl auch eines gewissen Geschicks, um die eigene Identität dauerhaft verwirklichen zu können.
Die eigene Identität zu finden, ist kein Prozess von wenigen Tagen. Es ist eher ein Vorgang, der ein Leben lang andauert. Wichtig scheint mir zu sein, dass man irgendwann (hier mag gelten: Je früher, desto besser) einen roten Faden für sein Leben zu fassen bekommt. Dieser rote Faden hat gewiss auch etwas mit der sexuellen Orientierung zu tun. Ich halte die Interaktion mit anderen Menschen, nämlich mit anderen Menschen ehrlich zu kommunizieren, mit ihnen etwas zu unternehmen, mit ihnen (Lebens-)Erfahrungen zu machen, sich mit ihnen anzufreunden, sie gerne zu haben, mit ihnen Sex zu haben, sich in sie zu verlieben, mit ihnen alt zu werden, für zentrale Lebensinhalte. Nun liegt es auf der Hand, dass sich nicht all dieser Lebensinhalte ohne erotische Zuneigung, ohne das Empfinden körperlicher Attraktivität und Hingezogenheit verwirklichen lassen.
Ich habe meinen roten Faden sehr früh gefunden und war mir, lange bevor ich wusste was Sex ist, klar, dass ich mich zu Jungs und Männern hingezogen fühle. Lange bevor ich Begriff wie ’schwul’ oder ‘homosexuell’ kannte, wusste ich, dass ich die Nähe zu Jungs und Männern suchte. Seit sich meine sexuellen Möglichkeiten entfalteten, stehen immer Männer im Mittelpunkt meines sexuellen Interesses. Mädchen und Frauen wollte ich nie ficken. Nicht, dass ich Angst davor (gehabt) hätte. Auch wenn ich mich über die ‘Feuchtgebiete’ lustig gemacht habe, empfinde ich den Gedanken an körperliche Nähe mit einer Frau nicht als unerträglich – die körperlichen Reize einer Frau reizen mich einfach nicht. Dennoch glaube ich, beurteilen zu können, ob eine Frau attraktiv ist oder nicht, denn weibliche Attraktivität drückt sich nicht in drei Körpermaßen und der Lippenstiftfarbe aus.
Aber bevor ich mich in fremden Gefilden verirre: Nicht jedem war, wie mir, schon mit sechs oder sieben Jahren klar, wo die Reise hingehen wird. Ich kenne ein paar Männer, die erst sehr viel später in ihrem Leben ihre Zuneigung zu Männern ‘erkannt’ haben. Ich weiß nicht, ob ‘erkannt’ eine treffende Beschreibung ist und ich fühle mich auch etwas unsicher im Umgang mit diesen Lebensläufen (nicht mit den dahinter stehenden Menschen!), weil ich nicht weiß, ob das, was ich weiß, das ist, was ich darüber wissen sollte. Jedenfalls fand ich auf canada.com einen interessanten Artikel:
In the name of the father - Almost a third of gay men were married before coming out
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