Merkwürdige Dinge gehen hier im Haus vor.
Eines schönen Tages entdeckte ich einen neuen Kühlschrank in unserer Wohnung. Ein Riesenteil, oben kühlen, unten tieffrieren. Einen Elefanten könnte man da bequem unterbringen. Aber Elefanten haben wir nicht, nur zwei Katzen. Vielleicht könnte ich… Ach nein, besser nicht, das bringt nur Ärger. Gut, die Notwendigkeit eines neuen Kühlschranks war mir bis dahin nicht bewusst, aber mein Freund wies auf diverse Gesichtspunkte hin, unter anderem die bessere Umweltklasse des neuen Geräts. Außerdem kommt das Gerät nicht aus China. Und das Superspezialcocacolaschnellkühlfach ist auch nicht schlecht. Also hat mein Freund mich überzeugt, dass die Anschaffung einvernehmlich erfolgt sei, weil ich ja zugestimmt hätte, wenn ich gefragt worden wäre. Damit war die Beziehungskrise einstweilen abgewendet. Im Laufe des Abends dämmert nicht nur die Abenddämmerung: Mir fiel auf, dass dieser neue Elefantenkühlschrank irgendwie nicht so recht in und zu der alten Küche passt. Obwohl ich Unheil und Kosten am Horizont heraufziehen sah, ließ ich die Sache auf sich bewenden. Mein Freund, dachte ich mir, wird schon wissen, was er tut.
Er wusste es: Am nächsten Tag fand ich ein paar Bretter in unserer Wohnung herum liegen. Vorsichtshalber tat sich so, als würde ich nichts bemerken. Diese Taktik konnte ich jedoch nicht lange durchhalten. Im Laufe des Abends zimmerte mein Freund daraus einen Schrank zusammen: “Wie gefällt Dir der Schrank? Das ist unsere neue Küche?” “Wie jetzt?”, ich stellte mich dumm, es fiel mir nicht schwer. “Der Schrank ist doch keine Küche?” “Nein, natürlich nicht, so wird unsere Küche aussehen, der Schrank ist so eine Art Muster.” Eigentlich ist’s mir egal, wie die Küche aussieht, Hauptsache der Kühlschrank hat den von mir gewünschten Inhalt und ich finde die Bedienknöpfe für den Herd und die Mikrowelle. Und wenn die Geschirrspülmaschine dann noch das Geschirr spült, bin ich glücklich und zufrieden.
“Sieht doch gut aus, oder? Ich finde, wir sollten eine braune Arbeitsplatte dazu nehmen. Die passt gut zu den Stühlen!” “Ist mir doch egal, ob die zu den Stühlen passt. Außerdem haben wir doch eine Arbeitsplatte. Da ist nichts dran, die können wir weiterverwenden…” Patsch! “Aua, was soll das?” “Nie interessierst Du Dich für etwas! Morgen fahren wir zu IKEA und kaufen den Rest!” “IIIIIIII-KEEEEEEEEEE-AAAAAAAA? Niemals!” “Doch, natürlich. Überleg’ Dir, was für eine Arbeitsplatte Du haben willst!”, sprachs, und ließ mich stehen. Früh’ morgens bewaffnete ich mich mit Argumenten gegen IKEA. Um es kurz zu machen: Es half alles nichts!
IKEA ist sehr interessant: Viele hübsche Kerle. Ich frage mich: Wo kommen die alle her? Gibt es dort ein Nest? Produziert IKEA vielleicht auch diese netten und geilen Jungs? Und wenn ja, warum pappen an denen nicht diese Schildchen, auf denen die Lagernummer steht? Warum kann Mann die nicht im Lager in diese Rieseneinkaufswagen, in denen auch Platz für Elefanten ist, packen? Ich vermute, IKEA lässt die leckeren schwulen Typen nur deshalb durchs Bild, also durch ihre Einkaufshallen, laufen, damit störrische Schwule wie ich so langsam aber sicher weich (hart) werden, ihre IKEA-Vorurteile (Vorurteile? Das sind keine Vorurteile!) überwinden und IKEA auch ganz toll finden. Finde ich aber nicht. Also wurden ganz besonders perfide Mittel eingesetzt: Zwei in der Küchenabteilung knutschende Elche, äh, ich meine elchstarke Kerle, so richtig nach meinem Geschmack. Beide dunkle Haare und Goatees. Mmmmmh! Ich wurde also in die Küchenabteilung gelockt, gewissermaßen verführt. Wer hat das nur geplant? IKEA oder mein Freund? Mein Freund hat das nicht nötig, er ist selber Lockmittel genug! Also: IKEA war’s! Die machen’s genau so wie die Autohändler. Dort werden einfach ein paar ziemlich nackte langbeinige Girls auf überteuerte einfallslose gleich- und stromlinienförmigen Auto gesetzt oder gelegt, und schon steht (!) des nicht schwulen Mannes Schwanz und sein Geldbeutel geht auf. Die attraktiven Kerle bei IKEA mussten weder ziemlich nackt noch langbeinig sein, um auf mich zu wirken. Aber sie konnten nicht darüber hinweg täuschen, dass die überteuerten Möbel bei IKEA zwar einfallsreiche Namen haben, aber ansonsten ziemlich, na, ich nenne es mal: einheitlich sind. Das hat große Vorteile. Wenn tatsächlich so viele Schwule bei IKEA einkaufen, wie behauptet wird (ich finde, um für Klarheit zu sorgen, muss schleunigst eine Studie her, und zwar eine höchstrepräsentative!) findet Mann sich in jeder Wohnung zurecht, weil alle IKEA-gleich eingerichtet sind. In diesem Küchenschrank ist dieses und jenes, der Elektroherd kann in Stufen von 1 bis 9 reguliert werden, und nicht in Stufen von 1 bis 3. Das Geschirr ist in einer bestimmten Reihenfolge eingelagert und die Töpfe auch. Im Schlafzimmer ist’s genau so. Rechts im Schrank sind die Gummisachen, links davon die Lederklamotten und noch weiter links die Jeans und dann die Anzüge. Für Kondome und Gleitmittel gibt’s normierte Fächer und eine Stapelablage für Aussiebums ist auch vorhanden. Und im Bett liegt der eine links, der andere rechts.
Ich war nun also dort angekommen, wohin mich meines Freundes und IKEA’s Hände geführt hatten. Ich wollte auch knutschen, wie die anderen, durfte aber nicht. Ich musste schleppen, und zwar die halbe Küche.
Nun will ich nicht behaupten, dass IKEA das El Dorado der schwulen Männer ist. Aber der Laden scheint sich doch einer gewissen Beliebtheit zu erfreuen. Warum? Die Tatsache, dass Mann auf dem Antrag für die IKEA Family Card im Bedarfsfall ein Kreuz bei ‘(eingetragene) Partnerschaft’ machen kann, wird es doch nicht sein, oder? Und IKEA, oder gar die IKEA-Möbel, verkörpern doch nicht ‘den’ schwulen Lebensstil, oder? Nur weil IKEA hin und wieder ein paar angeblich schwule Jungs in der Werbung verwendet, ja: VERWENDET, müssen wir da doch nicht alle hinrennen. Meine Theorie ist eine andere: Die einen gehen hin zu IKEA, weil sie dort ohne blöde Anmache händchenhaltend durch die nicht enden wollenden Gänge flanieren und in der Küchenabteilung knutschen können. Die anderen gehen hin, weil’s da so viel zum Gucken gibt.
Und ich musste hin, weil es da so viel zum Schleppen gibt. Raus aus dem Laden mit dem Zeug, rein ins Auto. Das Missverhältnis zwischen Auto und Möbelmenge war ein Offensichtliches. Dann alles in die Wohnung schleppen. Bäh! Ich bin Beamter und kein Möbelpacker!
Nun ist die halbe Küche da und aufgebaut. Ohne mein Zutun aufgebaut. Eine, ich nenne es schwelende leichte Stimmungsverwerfung, an der einzig und allein IKEA schuld ist, hat mich von der Mitwirkung entbunden. Zwecks optimaler Raumausnutzung ist unsere Küche zweigeteilt. Die eine Hälfte ist nun neu möbliert, mit Arbeitsplatte passend zum Bezug der Stühle. Die andere (alte) Hälfte passend zum Holz der Stühle und des Tisches. Die alte Küchenhälfte hat unten eine Blendleiste, die neue steht irgendwie aufgestelzt und ist von unten beleuchtet. Das sieht klasse aus, aber: Warum muss ein Schrank von unten beleuchtet werden? Ich sitze doch nicht unter dem Schrank? Im Schrank auch nicht, die Zeiten sind zum Glück vorbei! Jedenfalls passt das Alte überhaupt nicht zum Neuen; sogar mir fällt das auf. Irgendwie sieht das komisch aus, irgendwie ist das alles ziemlich … kreativ. Fotos wird es auch auf Nachfrage nicht geben.
Heute nun stehen in unserer Wohnung drei, vier oder fünf weitere neue Küchenschränke. Keine Ahnung, wie und wann mein Freund die herbeigeschafft und zusammengebaut hat. Ich will flüchten, aber er hält mich fest. Aber nicht zum knutschen. Nein, er erklärt mir, dass die verbliebenen alten Schränke durch die neuen ersetzt werden und allerlei umgeräumt wird. Dann müsse alles genau vermessen und eine neue Arbeitsplatte für den jetzt ebenfalls zu erneuernden Teil der Küche bestellt werden. Das Anfertigen der Arbeitsplatte werde, weil Maßanfertigung, drei bis vier Wochen dauern. Solange müsse noch die alte Arbeitsplatte verwendet werden, die aber nicht mehr so richtig passen werde, weil ja alles einen anderen Platz bekomme und deshalb werden zum Beispiel die Ausschnitte für den Herd nicht mehr an der richtigen Stelle seien. Die Küche werde also für die nächsten Wochen nur eingeschränkt benutzbar sein. Ich benutzte daraufhin einige der neuesten Worte, dich ich morgens immer in Bus und Bahn lerne.
Die Stimmungsverwerfung kann ich nun nicht mehr mit dem Adjektiv ‘leicht’ beschreiben. Sie schwelt auch nicht mehr.
Scheiß IKEA!
Und doch schleicht sich jetzt ein gemeiner Gedanke ein: Gehöre ich etwa auch zu den Schwulen, die sich für ‘was Besseres halten und deshalb dieses und jenes nicht tun? Zum Beispiel keine Gaykreuzfahrten mitmachen und nicht bei IKEA einkaufen gehen?
Ich werde jetzt gleich hinuntergehen in die Küche, denn ich höre schon wieder verdächtige Geräusche – ich bin zwischenzeitlich sehr sensibel geworden für alles, was sich in der Küche tut -, und mich schwer zusammenreißen. Vielleicht gelingt es mir ja irgendwie doch, zu der Auffassung zu gelangen, dass wir diese neue Kücheneinrichtung dringend brauchten. Und, naja, sie sieht schon besser aus als die alte.
Yes Dear!
Related posts
Filed under: Miscellaneous
Trackback Uri



Commentaries