19 May 08

Was ist auf dem Foto zu sehen?

Ich kenne dafür folgende Bezeichnungen:

Schwanz, Phallus, Glied, Schniedel(-wutz), Pimmel, Riemen, Dödel, Ständer, Kolben, (Morgen-)Latte, Rohr, Lutscher, Dong, Cock, Dick, Pecker, Pint, Stiffy, Hard-on… (für weitere Synonyme siehe Wikisaurus).

Von diesen vielen schönen und unschönen Worten verwende ich im Deutschen in der Regel nur ‘Schwanz’ und ‘Penis’. Und genau das Wort Penis ist verboten.

André Mielke, Schreiberling bei der Welt, erzählt, wie der Heilige Geist über seinen sechsjährigen Sohn kam:

Mein Sohn geht in die erste Klasse. Kurz vor Pfingsten veranstalteten sie dort die Projektwoche „Ich und mein Körper“.

Die Folgen waren aus Mielke’s Sicht entsetzlich:

In den Ferien brach das frisch gewonnene Wissen aus ihm heraus. Wir wollten an den Strand. Als der Junge seine Badehose suchte, riet ihm seine große Schwester, nackt in die Ostsee zu hüpfen. In seinem Alter sei das doch schnuppe. Da straffte er sich und rief: „Du willst doch nur, dass alle meinen Penis sehen.“

Skandal, Skandal, Skandal! Wie konnte man dem Jungen in der Schule so etwas antun und ihm eine korrekte Bezeichnung für eines seiner äußeren Geschlechtsorgane beibringen?

Meine Frau und ich, wir erschauerten, und zwar nicht vor seinem erwachenden Schamgefühl. Es war wegen dieses Wortes. Was ihm da vorn unten am Körper hängt, ist in unserem elterlichen Bewusstsein weder Penis noch Geschlechtsteil im engeren Sinne. Das hat nichts mit den Dimensionen zu tun. Bei einem Sechsjährigen dient die entsprechende Gerätschaft vorrangig als Ausscheidungsspielzeug. So sehen wir das. Deshalb heißt das Ding bei uns „Pillimann“ und ist – bis auf Weiteres – zum „Pullern“ da. Das klingt unwissenschaftlich und infantil, aber dafür, meine Güte, ist es ja noch ein Kind.

Die Eltern Mielke scheinen äußerst verkrampft zu sein, denn offenbar gelingt es ihnen nicht, die Dinge vernünftig beim Namen zu nennen. “Was da vorn unten am Körper hängt”, “Ausscheidungsspielzeug”! Hallo? “Pillimann”, “Pullern”! Warum bringen Eltern ihren Kindern so dämliche Begriffe bei? Ich selbst habe von meinen Eltern gelernt, dass mein Schwanz ‘Pippimann’ heißt. So ein Krampf! Warum kann ein Sechsjähriger nicht lernen, dass das fragliche Körperteil Penis genannt wird? Was ist so schlimm daran? Alle anderen Körperteile wie Hände, Füße, Arme, Kopf werden doch auch mit ihren richtigen Bezeichnungen benannt.

Nö, das wollen wir nicht. Kaum ein Mann nennt seinen besten Kumpel „Penis“. Ich weiß nicht, warum ausgerechnet mein Junge damit anfangen sollte. „Penis“ ist kein Kinderwort. Es ist ja nicht mal ein richtiges Erwachsenenwort, außer vielleicht vor Gericht und in einigen schwülen Romanen.

“Bester Kumpel” und “schwüle Romane”. Aha, daher weht der Wind. Wir haben es hier mit einer Anhäufung von dekadenter Naivität zu tun; vermutlich spielt Herr Mielke Fußball, ist Katholisch und wählt CDU. Der Suchbegriff ‘Penis’ führt bei google zu mehr als 76 Millionen Ergebnissen. Dieser Blog ist auch dabei, denn etwa 10 % ‘meiner’ Besucher kommen über die Suche nach ‘Penis’ oder ‘Penisbilder’ hierher. Dafür, dass niemand vom ‘Penis’ spricht, sind die Zahlen doch ganz beachtlich.

Wenn jemand von seinem „Penis“ spricht, dann klingt das, als hätte er damit ein Problem. Ansonsten ist es ein ziemlich kalter Terminus, und, meinetwegen, wenn man wegen bestimmter Beschwerden einen Facharzt aufsucht, dann kann es sich schon mal anbieten, in einer angemessenen Sprache darüber zu kommunizieren.

Ja, für verklemmte Menschen mag das zutreffen. Ich kann ganz ohne Unbehagen das Wort ‘Penis’ verwenden. Ich habe weder mit dem Wort ‘Penis’ noch mit meinem ‘Penis’ höchstselbst ein Problem. Und deshalb kann ich im Bedarfsfall auch bei einem Arzt ohne Schwierigkeiten die Hose runterlassen und in direkter Sprache sagen, was mir fehlt. Ich muss nicht erst nach einer angemessenen Sprache suchen, denn mein Arzt hat selber einen Schwanz und weiß demzufolge, was das ist.

Für die doch sehr verstörten Eltern Mielke kommt es nun knüppeldick:

Deshalb legte mein Sohn nach und sagte zu seiner Schwester: „Du möchtest ja auch nicht, dass alle deine Scheide angucken.“ Meiner Tochter stand der Mund offen. Sie wird bald 14. Das ist keine günstige Lebensphase, um von kleinen Jungs auf primäre Geschlechtsmerkmale angesprochen zu werden, nicht mal dann, wenn die Begriffe stimmen.

Klasse, der Kleine. Die Eltern Mielke und das Schwersterlein werden noch viel Freude mit ihm haben! Und viel lernen!

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