Die Welt berichtet unter der Überschrift “Abstieg der Mittelschicht – Hochzeiten verschärfen die soziale Ungleichheit” wer im nicht schwulen Bereich wen heiratet:
Vor allem erfolgreiche Frauen verwenden großen Ehrgeiz darauf, nicht “nach unten” zu heiraten. Aber auch Männer wollen sich immer seltener verschlechtern. Denn die Heirat beeinflusst ganz entscheidend den sozialen Status und das Familieneinkommen – und die Verteilung der Einkommen driftet immer weiter auseinander. [...] Frauen klammern sich weitaus stärker an das traditionelle Rollenbild, als sie selbst wahrhaben wollen. Dass eine Krankenschwester den Chefarzt heiratet, ist für sie zwar völlig normal. Aber kaum entscheidet sich die Top-Juristin, bis an ihr Lebensende einem Heizungsklempner ihr Herz zu schenken, ziehen viele doch erstaunt die Augenbrauen hoch. [...] Heute dagegen heiratet nur noch jeder fünfte Mann nach unten. Und in lediglich acht Prozent aller Fälle treten Männer mit einer Frau vor den Traualtar, die eine höhere Bildung und einen besseren Job hat als er selbst.
usw, usf. Ich habe immer angenommen, die Entscheidung, das weitere Leben mit einem anderen Menschen verbringen zu wollen, würde auf anderen Erwägungen basieren.
Auf den ersten Blick
habe ich gedacht: Das ist wieder eines der typischen Probleme der nicht schwulen Welt. Bei schwulen und lesbischen Menschen gibt’s das nicht. Schon wegen der anderen Geschlechterkombination. Und da gleichgeschlechtlichen Ehen (bzw die uns von der nicht schwulen Welt hingeworfene Ersatzbefriedigung ‘eingetragene Lebenspartnerschaft’) sowieso außerhalb des ‘normalen’ Eheverständnisses der Mehrheitsgesellschaft liegen, kommt es doch nicht darauf an, ob im übrigen den Erwartungshaltungen entsprochen wird.
Auf den zweiten Blick
befürchte ich, dass wir auf unserem fragwürdigen Zug in die ebenso fragwürdige wie scheinbare Heteronormalität auch diesen Standesdünkel, den die Welt beschreibt, kopieren werden. Wir werden ihn nicht nur kopieren, sondern in unserem ‘wir-sind-genauso-wie-ihr-Eifer’ weit übertreffen. Jedenfalls gilt das für die Schwulen, die so gerne Muster-Heteros sein wollen.
Auf den dritten Blick
hat dieser Standesdünkel schon vor langer Zeit in die schwule Welt Einzug gehalten. Ich erinnere mich mit Unbehagen an einige an Dekadenz kaum überbietbare Statements von sich selbst für besser gestellt haltenden schwulen und lesbischen Menschen. Wer die Frage, ob er sich in angenehmer Gesellschaft befindet, anhand von Einkommens- und Vermögensverhältnissen oder akademischen Graden beanwortet, wird sich nicht selten in einer vordergründig angenehmen, bei Licht betrachtet aber ziemlich langweiligen Gesellschaft befinden. Wer sich dazu entschließt, sein Leben in enger Beziehung mit einem anderen Menschen (oder auch mehreren anderen Menschen) zu verbringen, und dabei Fragen des Geldes oder des durch Urkunden nachweisbaren Bildungsstandes für die Auswahl des/der anderen Menschen heranzieht, mag damit zwar gesellschaftlichen Konventionen entsprechen, mag sich damit ein ‘homogenes’ Umfeld geschaffen haben, dürfte aber gleichzeitig die Schwerpunkte seines Lebens falsch gesetzt haben.
Wer jedoch nach Reichtum strebt, um zu Ansehen und Macht zu gelangen, den erwartet ein erbärmliches Leben. Er wird nie genug davon haben, und es wird immer Leute geben, die reicher sind als er. Das Ansehen, das er erwirbt, ist begrenzt. Denen, die Geld ausschließlich als Mittel betrachten, um ein unabhängiges Leben zu führen, wird er nicht imponieren können, und sein Einflussbereich wird sich auf Leute beschränken, die so denken wie er.Intelligenz ist die Fähigkeit, Wissen aufzunehmen, Verstand die Gabe, daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Zwischen diesen beiden Phänomenen besteht keinerlei Zusammenhang; es gibt hochgelehrte Irre und vernunftbegabte Analphabeten. Nicht die Höhe des Intelligenzquotienten entscheidet darüber, ob jemand ein glückliches Leben führen wird, sondern die Portion Nüchternheit, die er besitzt.
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