8 May 08

Vor einiger Zeit schrieb mir jemand ins Blogstammbuch:

und noch eine allgemeine bemerkung, die du mir hoffentlich nicht übel nehmen wirst: ist dir mal aufgefallen, daß du gegenüber deinen “gegnern” (z. b. der kirche) einen ton anschlägst, der dem, den diese leute angeblich verwenden, in nichts nachsteht?
das finde ich schon deshalb schade, weil es manchmal unglaubwürdig macht, ganz noch dem motto: “ich darf das, ich habe ja recht!”…..

Der Verfasser dieser Zeilen steht mit seiner Auffassung nicht alleine. Ähnliche Vorhaltungen habe ich auch auf anderem Wege zu lesen und hören bekommen. Ich nehme eine aktuelle Diskussion zum Anlass, zu umreißen, welche Gläubigen sich meiner Kritik ausgesetzt sehen sollten (die ich für meine Verhältnisse ürigens regelmäßig recht milde formuliere), und welche Menschen, wie sich auch bei genauem Lesen meiner Posts zeigen sollte, von mir gar nicht in ihrem Glauben kritisiert werden. Der folgende Text ist Bestandteil meiner Erwiderung im Rahmen der vorgenannten Diskussion:

Der Garten Eden ist nicht wirklich eine Ausgangsbasis für eine Diskussion über Glaubensfragen. Und das Anziehen von Bibelzitaten auch nicht; ich werde zu fast jeder Textstelle ein Gegenzitat finden. Dieses ganze Debattieren über die Auslegung von Texten führt letztlich zu nichts, es verdeckt eher das, was ich als Kern des Glaubens bezeichnen würde. Ich habe tagtäglich mit glaubenden Menschen zu tun. Da sind die einen, die ihre Kirchensteuern oder vergleichbare Abgaben zahlen und meinen ‘irgendwie wird’s schon einen Gott geben’, aber weder zu dem Thema noch zu ihrem Gott einen Zugang haben. Das ist mehr so eine Art Glauben aus Sicherheitsgründen: Falls sich irgendwann herausstellen sollte, dass es einen Gott gibt, kann man darauf verweisen, dass man zumindest ein bisschen an ihn geglaubt hat. Dann gibt es die fanatisch Glaubenden, bis zu den Zähnen bewaffnet mit Bibelzitaten, theologischen Finessen, Präzedenzfällen des Glaubens. Räumt man alles das beiseite, ist da: Nichts! Und dann gibt es die Menschen, deren Glaube authentisch ist. Sie brauchen kein Glaubensgebäude, keine Vorbeter, niemanden, der ihnen den Glauben vorkaut, auch kein Christival. Sie leben ihren Glauben. Und sie können ihren Glauben durch schlichte einfache Worte zum Ausdruck bringen. Albert Schweitzer, dem ich naturgemäß nicht tagtäglich begegne, war so jemand. Er wischte all die großen theologischen Aufbauten vom Tisch und ersetzte sie durch den einen einfachen Satz: Ehrfurcht vor dem Leben! Ein rk Pfarrer in meiner Heimatstadt antwortete auf meine Frage, wie sich Gott bemerkbar mache, wie sich sein Glaube, abseits von Glockengeläut und Hochamt, bemerkbar mache: “Indem ich mich um Dich kümmere!” Ein Geistlicher der russisch-orthodoxen Kirche (ein sehr wortgewaltiger, frommer und gestrenger Mann!) sagt mir, nachdem ich von ihm wissen wollte, was glauben bedeutet: “Glauben heißt, die Erfüllung des Lebens suchen!” Vor ein paar Jahren traf ich ihn wieder. Er erkundigte sich nach diesem und jenem und wollte dann wissen, wie es meiner Frau gehe und ob wir Kinder hätten. Ich druckste ein wenig herum, erzählte dann aber von meinem Freund. Nachdem das erwartete Donnerwetter ausblieb, erzählte ich mehr von uns. Er hörte aufmerksam zu und meinte schließlich: “Dann hast Du die Erfüllung Deines Lebens gefunden. Dann hast Du Deinen Glauben gefunden. Bewahre ihn gut!”

Vor diesen zuletzt beschriebenen glaubenden Menschen habe ich allergrößte Hochachtung. Sie brauchen kein Glaubenskorsett; ihr Glaube ist einfach, unmittelbar, ehrlich und authentisch. Und es gibt diese Menschen nicht nur in den Reihen kirchlicher Funktionsträger; es sind Angehörige verschiedenster Religionen/Konfessionen. Einige sind regelmäßige Kirchgänger (Moscheegänger/Synagogengänger sagt man wohl nicht, der Begriff schließt sie hier mit ein), andere wiederum meiden Sakralbauten. Manche bezeichnen sich als fromme Christen/Juden/Moslems, manche sagen, sie seien konfessionslos. Ihre Lebenswirklichkeit unterscheidet sich nicht wesentlich von der meinen. Viele Vorgänge bewerten sie ähnlich wie ich. Sie suchen nicht nach Schuldigen, sie packen an und helfen, Not zu lindern. Und sie haben keine Angst um ihren Glauben. Sie haben vor allem nicht die Angst, in ihrem Glauben zu schwach zu sein, um zu bestehen. Deshalb versuchen sie nicht, möglichst viele andere um sich zu scharen. Das Wetteifern um Glaubensparolen ist ihnen fremd; sie brauchen nicht den Wettbewerb um den lautesten Namengottesruf. Leere Phrasen wie ‘Gott ist gut’, ‘Gott ist groß’ verabscheuen sie. Sie stehen mit gutem Rat und guter Tat bereit; bekämpfen nicht, bekehren nicht, sind aber Vorbild. Ihr Glaube, nicht die Herde, gibt ihnen Kraft und Mut. Feindbilder brauchen Sie nicht und sie sammeln keine Bonuspunkte für ein Leben nach dem Tod; sie versuchen nicht ein besonders guter Christ/Jude/Moslem zu sein. Sie sind nicht allein: Sie haben Freunde über alle Glaubensgrenzen hinweg, denn sie grenzen nicht aus. Auch mich nicht. Denn sie sagen, ihr Glaube komme von Gott, nicht aus einem Buch.

Ich sage ihnen, das, “was ihr für Glauben haltet, ist Euer Verstand” – sie sagen mir, das, was ich für Vernunft halte, sei Gott. Damit kann ich gut leben, denn sie wollen mir meine Vernunft nicht nehmen, wollen mich nicht umpolen. Es ist ihre Gewissheit, dass auch ich ein gutes Lebens nach dem Tod haben werde. Und ich sehe, dass sie hier und jetzt ein gutes Leben leben.

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