26 Mar 08

Musik aus Jamaika sagt mir nicht zu. Das hat zunächst einmal nichts mit den Texten zu tun, sondern mit den Melodien, Rythmen, Harmonien und gesanglichen Fähigkeiten der Interpreten. Ich habe vor kurzem bei einem großen CD-Händler einmal in fast alle dort verfügbaren CDs mit alter wie neuer ‘jamaikanischer’ Musik hineingehört. Da war aber auch gar nichts, was mich angesprochen hat. Künstlerisch ist ein grosser Teil dieser Musik – nicht alles! - indiskutabel. Will sagen: Das ist keine Kunst. Die Melodien sind langweilig, die Rythmen primitiv, die Dynamik einfach gehalten und vorhersehbar. Die Harmonien sind so schlicht, dass sich die Frage stellt, ob die Komponisten sich jemals das Komponierte angehört haben. Die Musik ist nicht einmal handwerklich gut gemacht – von der Beherrschung einfachster musikalischer Techniken keine Spur. Die Gesangsinterpreten, die dazu ins Mikrophon blöken zeichnen sich, von Ausnahmen abgesehen, dadurch aus, dass sie allenfalls zufällig zum richtigen Zeitpunkt mit ihrem dumpfen Gesang einsetzen. Ihre Stimmen sind so obertonarm, dass sie sich um die Tonhöhe keine Sorgen machen müssen – darauf kommt es bei diesen Stimmchen nicht an.

Nicht singen können, es aber dennoch sehr laut zu machen, scheint jedoch gerade den Geschmack der Zeit zu treffen. Mein Musikgeschmack ist das nicht, aber ich bin auch mit ganz anderer Musik, mit Werken, die in einem einzigen Takt mehr Musik beinhalten, als auf einer ganzen Jamaika-Musik-CD, zu finden ist, aufgewachsen.

Sei’s drum: Nicht jeder wird die von mir bevorzugte Musik mögen und jeder mag sich seine Trommelfelle so ruinieren, wie er will.

Viel problematischer ist, welche Texte die Herren ‘Musiker’ absingen. Rodney Price, der sich auch ‘Bounty Killer’ nennt, zum Beispiel ruft unverholen zum Mord an schwulen Menschen auf. Franz Ellinghorst gibt in einem Beitrag für indymedia den Wortlaut einiger Texte wieder.

Nun kommt dieser Price nach Deutschland, wollte in Essen und will in Berlin und München seine Hassgesänge anstimmen. Der LSVD hat die Behörden in diesen Städten auf die geplanten Straftaten des ‘Sängers’ und der Konzertveranstalter aufmerksam gemacht. Das hat natürlich die Konzertveranstalter erschreckt. Der Schrecken beruht aber nicht auf der Erkenntnis, wen man sich da eingeladen hat. Denn diese Erkenntnis ist nicht neu; es war eiskaltes Kalkül, diese Hasssänger einzuladen. Der Schrecken beruht vielmehr darauf, dass die Behörden den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung machen könnten. Deshalb empört sich Herr Rechtsanwalt Ronny Schulz aus Zehdenick im Auftrag der Firma Pakercom, Alwin Heim, in Schreiben an den LSVD und  den Bundestagsabgeordneten Volker Beck, über das unerhörte Vorgehen des LSVD und des Abgeordneten Beck. Herr Rechtsanwalt Ronny Schulz lässt, sprachlich sehr dahingeholpert, wissen, dass sein Klient und der in Aussicht gestellte Interpret (fälschlicherweise als ‘Künstler’ bezeichnet) herzensgute Menschen seien. Außerdem sei Price ein katholischer Glaubenslehrer. Seine Mordaufrufe

entstammen der strengen katholischen Glaubenslehre des Künstlers,

Nebenbei bemerkt: Die Glaubenslehre dieses Bounty Killers fällt insbesondere bei Spatzengehirnen (der Begriff stammt nicht von mir, beschreibt aber den ganz offensichtlichen Befund treffend) auf fruchtbaren Boden.

Volker Beck sieht über die sprachlichen Ausdrucksschwierigkeiten des Herrn Rechtsanwalt Ronny Schulz aus Zehdenick hinweg, stellt sich schützend [sic!] vor die katholische Kirche und fragt höflich an, seit wann die Schwulenverbrennung Bestandteil der katholischen Glaubenslehre sei.

Bemerkenswert ist an diesem Schriftwechsel in erster Linie, dass Volker Beck hier Katechese betreiben muss, sich aber die katholische Kirche, soweit ersichtlich, in keinster Weise von diesem Bounty Killer und seinem Glaubensverständnis distanziert.

Der hier ortsansässige Erdbeerschorsch hätte die Beck’sche Frage sicher ohne zu zögern beantworten können. Rechtsanwalt Ronny aber kommt gewaltig ins Schleudern. Es gehe wohl vielmehr um die bibeltreue Rastafari-Bewegung, darüber habe mal was in der Zeitschrift Neon gestanden, im Februar oder so. Und irgendwie müsse das alles auch was mit Sklaverei zu tun haben. Homophobie sei aber zu kritisieren.

Ja Herrschaftszeiten, Ronny, nichts anderes machen Beck und der LSVD!

Andere Konzertveranstalter erklären erst einmal, wofür Reggae-Musik steht. Nämlich für Gleichberechtigung, Liebe und Menschenwürde. Und zwar zu 90 Prozent. Sehr schön! Dann spielt doch mal diese 90 % und nicht immer nur die verbleibenden 10 %. Aber offensichtlich lässt sich mit den 10 % viel mehr Kasse machen, als mit den 90 %.

Und damit komme ich (endlich – ich weiß) zum eigentlichen Problem. Wer hört sich diese Musik an? Viele Menschen. Zu viele. Zwar wird in dem Klangbrei den Bounty und andere erzeugen, kaum jemand die Worte genau verstehen und genau übersetzen können. Deshalb behaupten die Veranstalter ja auch, die Bountys würden gar nicht das singen, was wir glauben, dass sie es singen würden. Es sei ja alles ganz harmlos. Vielleicht etwas gesellschaftskritisch, von wegen Sklaverei und Weißer Mann und so, aber niemals nie würde zum Mord an Schwulen aufgerufen. Darauf kommt es aber gar nicht an. Das Publikum rennt hin und kauft CDs, weil es annimmt, dass es da um schwulenhassende Interpreten und homophobe Texte geht. Homophobie wird gewünscht. Egal was in Jamaika früher passiert ist oder nicht passiert ist. Homophobie wird jetzt hier bei uns in Deutschland gewünscht. Zunächst nur zur Unterhaltung, zum Mitgröhlen und Lachen, später dann für die tatsächliche Umsetzung.

Und dieses ’später’ ist wohl nicht fern. Wir müssen gar nicht erst ‘harmlose’ Jamaikaner hierher holen. Wir haben die Hasssänger doch schon lange hier. Anis Ferchichi (ich kann nichts dafür, dass er so heißt), der uns unter seinem Pseudonym Bushido beglückt, macht aus seiner Homophobie keinen Hehl. Er zelebriert sie öffentlich mit Unterstützung der Medien. Die Bravo hat ihm eine Konzertbühne geboten und gestern durfte er zu Kerner in die Sendung. Er und seine Haltung sind bei den Medien akzeptiert. Und die gesellschaftliche Akzeptanz kann man an den Konzertbesucher- und CD-Verkaufszahlen ablesen.

Die gesellschaftliche Akzeptanz der Homophobie kann man aber auch auf den Schulhöfen miterleben. Lehrer, Eltern und Schulbehörden unternehmen wenig bis nichts dagegen. Sie wird einfach hingenommen. Akzeptiert. Fertig. Und eigentlich, wie bei den Hasssängern, ist das alles ja gar nicht schwulenfeindlich gemeint. Alles nur Mißverständnisse. Jan Feddersen rückt in einer taz-Kolumne die Dinge zurecht.

Wir dürfen und müssen miterleben, wie sich hier in Deutschland eine antischwule “Kultur” entwickelt. Dabei ist das Wort Kultur in Anführungsstriche zu setzen. Denn es ist im Gegensatz zu echten Kulturen nichts, das etwas Eigenständiges hervor bringt. Diese antischwule “Kultur”, dieses antischwule Verhalten besteht einfach aus einem ‘Dagegen sein’, aus dem Wunsch, das ‘Schwule’ zu zerstören. Dem wird, außer flachen Verweisen auf traditionelle Werte, auf ‘normales Verhalten’, nichts entgegen gesetzt. Einen tragfähigen Gegenentwurf gibt es nicht. ‘Schwul’ wir einfach nur für schlecht, für abartig, für vernichtenswert gehalten. Letzteres ist auch der einzige Wert, den ’schwul’ für manche Menschen hat: Sie haben damit etwas, auf das sie drauf hauen können; zunächst verbal, dann physisch.

Vielleicht ist das alles nur ein temporärer gegenläufiger Effekt auf das zunehmende Sebstbewußtsein schwuler Menschen und die damit verbundene Offenheit. Vielleicht ist es nur die vorübergehende Hilf- und Haltlosigkeit nicht schwuler Menschen. Vielleicht aber beschreibt Feddersen ganz zutreffend das Heraufziehen einer schweren Zeit.

Was mich irritiert ist die Gelassenheit nicht schwuler Menschen. Nicht weil ich erwarte, dass sie sich schützend vor die Schwulen stellen. Nein, weil sie eigentlich eine ganz einfache Überlegung anstellen müssten. Wann ist jemand schwul? Zum einen dann, wenn er sich dazu ‘bekennt’. Aber ein Mensch gilt auch dann als schwul, wenn sein Umfeld ihn für schwul hält, egal ob er tatsächlich schwul ist oder nicht. Es reichen ein paar Behauptungen, ein paar Gerüchte, und schon gilt jemand als schwul. Einen Gegenbeweis kann man nicht führen; auch Frau und Kinder zählen da nicht. Auch echter oder gespielter eigener Schwulenhass sind keine unüberwindbare Hürde für eventuelle Feinde. Es ist nichts schlimmes, als schwul zu gelten (Ausnahme hier). Ich möchte lediglich deutlich manchen, dass sich die Schwulenfeindlichkeit gegen jeden richten kann, nicht nur gegen Schwule. Wenn erst einmal eine gewisse Stimmung in der Gesellschaft erzeugt wurde, wird das Adjektiv ’schwul’ jedem angehängt, dem man eins auswischen will, den man loswerden will. Und das sollte jedem, egal ob schwul oder nicht schwul, zu denken geben. Und zwar jetzt, nicht erst wenn es zu spät ist.

 

 

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