Darf ich zu einem Besuch meiner Heimatstadt einladen?
In Dorsten leben rund 80000 Menschen auf 170 km² nördlich und südlich der Lippe. Im Mittelalter erreichte die Stadt (Stadtrechte seit 1251) aufgrund ihrer Lange im Grenzgebiet Kurkölns, des Herzogtums Kleve und des Fürstbistums Münster und der weit und breit einzigen Lippequerung große kulturelle (Stadt der Kirchen, Klöster und Schulen) und wirtschaftliche Bedeutung (Hansestadt). Von den Wirren des 30jährigen Krieges und dem damit einhergehen wirtschaftlichen Niedergang hat sich die Stadt nicht mehr erholt. Als Folge von zahlreichen, 1929 begonnenen, Eingemeindungen zeigt die Stadt heute eine uneinheitliche, zerrissene Struktur. Die großflächigen Zerstörungen während des zweiten Weltkriegs und die in den fünfziger und sechziger Jahren versuchte großstädtische Formung der Stadt haben zu einer sehr problematischen Siedlungsstruktur geführt. Architekturinteressierten Menschen ist die Stadt vielleicht ein Begriff, denn es gibt neben dem städtebaulichen Versuch ‘Neue Stadt Wulfen’ mit dem inzwischen abgetragenen Metastadtgebäude eine Reihe einzelner architekturhistorisch bedeutsamer Gebäude (Sankt Josef Kirche von Joseph Franke, Herz Jesu Kirche von Dominikus Böhm, mehrer profane und sakrale Großbauwerke von Ludes). Dorsten kann heute als Wohn- und Schlafstadt bezeichnet werden, die aufgrund chronisch knapper Kassen und dem Fehlen steuerkräftiger Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe ihren Einwohnern nur das Notwendigste bieten kann. Das soll aber nun nicht heißen, dass Dorsten gar nichts zu bieten hätte. Man muss nur genau hinschauen, um die ein und andere Pretiose zu entdecken. Eine dieser Kostbarkeiten ist das Jüdische Museum Westfalen.
Wieso gibt es ausgerechnet in Dorsten ein Jüdisches Museum?
Menschen jüdischen Glaubens leben in Dorsten schon seit dem 13. Jahrhundert. Die Vertreibung durch die Nazis war allerdings nicht die erste Vertreibung, die sie ertragen mussten. Im 16. Jahrhundert befahl der damalige Bischof von Münster, Bernhard von Raesfeld, die Vertreibung der Juden aus dem Stift Münster, zu dem Teile des heutigen Stadtgebietes gehörten. Erst im 17. Jahrhundert erholte sich das ‘Jüdische Leben’ in Dorsten wieder und zu Anfang des 18. Jahrhunderts wurde in Dorsten eine jüdische Gemeinde gegründet und um das Jahr 1750 die erste Synagoge errichtet. Circa 1830 unterstellte sich diese Gemeinde dem Rabbiner Sudro in Münster. Für das Jahr 1900 wird die Zahl der Gemeindemitglieder mit 300 angegeben. Nach und nach siedelten sich auch in den umliegenden Städten und Dörfern Menschen jüdischen Glaubens an und es bildeten sich zahlreiche jüdische Gemeinden. Die Synagogen-Untergemeinden Dorsten (mit Kirchhellen, Marl, Lembeck, Altschermbeck und Wulfen), Buer (mit Westerholt), Gladbeck, Bottrop (mit Osterfeld) und Horst wurden zur Synagogen-Hauptgemeinde Dorsten zusammengefasst. Im Jahr 1932 wurden in diesem nach dem Berliner Hauptgemeindenbezirk räumlich größten des Deutschen Reichs rund 1000 Menschen jüdischen Glaubens gezählt. Allerdings gestalte sich die Zusammenarbeit und der Zusammenhalt wegen der großen Flächenausdehnung als schwierig. Die Hauptgemeinde beantrage ihre Auflösung und der Regierungspräsident in Münster verfügte: “Gemäß § 36 des Preußischen Judengesetzes vom 23. Juli 1847 werden hierdurch [...] die Synagogen-Hauptgemeinde Dorsten aufgelöst und die neuen Synagogengemeinden Bottrop, Buer, Gladbeck, Dorsten und Horst mit Wirkung vom 1. April 1932 gebildet.”
In der dann folgenden dunklen Zeit ging nicht nur die Synagogengemeinde Dorsten unter, es ging verschand auch das Wissen um das Leben der Menschen jüdischen Glaubens in Dorsten. So gewissenhaft wie die Vernichtung der Juden betrieben wurde, so gewissenhaft wurde im Dorsten der Nachkriegszeit die Erinnerung als das florierende jüdische Leben in der Stadt und dem Umland verdrängt. Zu viele Dorstener waren in Ereignisse um die Auslöschung der jüdischen Gemeinde verstrickt, zu viele Dorstener haben weggeschaut und wollten nicht erinnert werden.
Erst im Jahr 1982 haben sich ein paar engagierte Dorstener Bürger zusammengefunden. Als “Forschungsgruppe Dorsten unterm Hakenkreuz” haben sie in beispielhafterweise das Leben jüdischer Menschen im Dorsten der Weimarer Republik und der Nazizeit aufgearbeitet und in fünf Büchern dargestellt. Dabei haben sie auch andere, verdrängte und vergessene, erschreckende Ereignisse aus der jüngeren Geschichte der Stadt Dorsten wieder ans Tageslicht geholt. In Dorsten haben sie sich damit nicht nur Freunde gemacht.
1987 lud diese Forschungsgruppe zur Gründung eines Trägervereins zur Errichtung des ‘Dokumentationszentrums für jüdische Geschichte und Religion’ ein. 1992 konnte dann das Museum in einem kleinen Gebäude am Rande der Dorstener Altstadt eröffnet werden. Mit finanzieller Unterstützung der 1999 ins Lebens gerufenen Stiftung Jüdisches Museum Westfalen konnte im Jahr 2001 das Museum baulich erweitert werden.
Das Museum im Internet:
Mein letzter Besuch in dem Museum liegt nun schon ein paar Jahre zurück. Aber ich erinnere mich gerne daran. Es ist ein kleines Museum, ‘verkehrstechnisch’ übrigens mit Bus, Bahn und Pkw hervorragend zu erreichen, das nicht mit bombastischen Ausstellungssälen und unüberschaubarem Inventar aufwartet. Es ist ein Museum der ‘Jetztzeit’, dass die schönen wie sie schrecklichen Ereignisse vergangener Tage in die heutige Zeit reflektiert. Es geht in diesem Museum nicht nur darum, Reliquien aus alter Zeit zu bestaunen. Vielmehr wird vermittelt, wie sich jüdisches Leben in den westfälischen Kleinstädten zeigte, bis es so sinnlos ausgelöscht wurde. Das Museum verfügt über ein hochkompetentes Mitarbeiterteam, das die Besucher nicht alleine lässt, das Antworten geben kann und Gesprächspartner vermittelt. Es gibt in Dorsten ein paar Menschen, es werden immer weniger, die Natur will es so, die die Nazizeit miterlebt haben und bereit sind, darüber zu sprechen, zu erzählen und so weit wie möglich zu erklären, was damals passierte. Geht man mit diesen Menschen durch die Stadt, wird einem klar, dass das Damals gar nicht so weit entfernt ist, dass das Damals vielleicht das Morgen ist.
(Aus einer Handschrift Tisa von der Schulenburgs)
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