“Man ist eben gerne unter sich” – genau diese Vorliebe ist es laut Robert Kastl, die den Reiz einer rein schwulen Kreuzfahrt oder den Aufenthalt auf Lesbos ausmacht.
lese ich heute in der welt.de. Und mir wird schlecht. Erst gestern sind mir Veranstalter von Reisen für schwule Männer unangenehm aufgefallen. Aber heute wird’s mir wirklich zu schwarz-weiß. Was soll das? “Man ist gerne unter sich”!? Wer ist da gerne unter wem? Ich bin gerne mit Menschen zusammen. Und zwar mit (zumindest halbwegs) vernünftigen Menschen! Das Geschlecht und die sexuelle Orientierung sind mir dabei egal. Für eine gute Unterhaltung, für Spaß, Freude, aber auch ernsthafte, streitige Diskussionen bin ich nicht auf schwule Männer angewiesen. Anders gewendet: Was nützt es mir, mit Menschen zusammen zu sein, mit denen mich, frei nach Brian Kinney, nur verbindet, dass wir Schwänze mögen? (Natürlich freue ich mich besonders über die Kombination ‘schwul & vernünftig’, sie kommt glücklichweise sehr häufig vor.)
“Dass Schwule mehr Reisen, liegt an dem höheren verfügbaren Einkommen, da man nicht für die Familie sorgen muss”, erklärt er. “Außerdem geben sie im Urlaub doppelt so viel aus wie der Durchschnittstourist.” Und wo keine Kinder sind, gibt es außerdem mehr Zeit und Flexibilität zum Reisen.
Irgendwo, vielleicht kann mir mal jemand suchen helfen, muss ich hier in der Wohnung einen riesen Sack voller Geld liegen haben, den ich nur noch nicht entdeckt habe! Hallo, Ihr Touristik-Heinis (Verzeihung!), ich zahle zusammen mit meinem Freund etwa 40 % mehr Steuern, als miteinander verheiratete verschiedengeschlechtliche Menschen in ansonsten vergleichbarer Situation, weil uns diverse steuerliche Gestaltungsmöglichkeiten nicht zur Verfügung stehen. Außerdem empfehle ich, sich einmal mit der staatlichen Kinderförderung zu beschäftigen. Als ob das ‘haben’ von Kindern Armut bedeuten würde! Außerdem muss ich, unerhörterweise kinderlos, mich nach den schulferienabhängigen Urlaubsplänen meiner bekinderten Arbeitskollegen richten. Und wer bitte schön hat den einmal einigermaßen objektiv ermittelt, wieviel Geld Schwule im Urlaub ausgeben?
Er schätzt, dass im Moment 15 bis 20 Prozent der Umsätze in der deutschen Reisebranche mit speziellen Angeboten für Schwule und Lesben gemacht werden. Das sei enorm, meint Kastl, wenn man bedenke, dass nur sieben Prozent der Bevölkerung homosexuell sind.
Hat Herr Kastl bedacht, dass keine dieser Zahlen gesichert ist? Hat er bedacht, dass ‘schwul’ und ‘homosexuell’ besser nicht miteinander verwechselt werden sollten?
“Es kommt schon gut an, wenn es Frühstück auch nach zehn Uhr gibt oder das Zimmermädchen nicht am Vormittag vor der Tür steht und einen weckt”, sagt Heinz-Frank zu Franken, der das Angebot der Hotelgruppe betreut. Zu einer Großveranstaltung wie dem Christopher Street Day sind die Hälfte seiner Gäste homosexuell. “Die wollen lange feiern und am nächsten Tag ausschlafen.”
Zur Abwehr von Zimmermädchen (auch in der männlichen Variante!) gibt es diese kleinen Pappkärtchen, die man/frau an die Zimmertür hängen kann. Und verstehe ich das jetzt richtig: Nicht homosexuelle Menschen feiern nie lange und wollen nie ausschlafen? Spätestens jetzt kommt dieser Post auch in die Kategorie ‘Dummheit’!
Denn dass die Freunde der Regenbogenfahne im Urlaub nicht geizen, hat sich auch bei den Tourismusämtern der Städte herumgesprochen. Vor allem für Berlin ist es ein gutes Geschäft. Es ist das beliebteste Reiseziel für Schwule in Deutschland – letztes Jahr kamen ein Viertel der Homosexuellen in Deutschland zum Urlaub in die Hauptstadt – und auch europaweit belegt Berlin neben London und Paris einen der vorderen Plätze. Christian Tänzler, Pressesprecher der Berlin Tourismus Marketing GmbH, früher einmal Fremdenverkehrsamt genannt, erklärt warum: “Diese Gruppe ist besonders an Live-Style, Szene und Design interessiert, also genau das, wofür Berlin im Moment bekannt ist.”
Ich bin wohl ein absoluter Außenseiter. Wenn ich schonmal in Berlin bin, dann gewiß nicht wegen ‘Live-Style’, ‘Szene’ und ‘Design’ – dafür gibt’s nun wahrlich interessantere Städte. Bemerkenswert ist aber, dass Berlin ausgerechnet dafür bekannt sein soll. Welche Art von Werbung macht den die Marketing GmbH? Und hat Berlin wirklich nichts anderes zu bieten, so dass man die Touristen mit ‘Live-Style’, ‘Szene’ und ‘Design’ anlocken muss?
Jedoch:
Außerdem wirbt die Spree-Metropole weltweit um diese Zielgruppe. Besonders in Ländern, die gerade neu erschlossen werden, hat man damit Erfolg. Viele Asiaten kämen neuerdings nach Berlin, sagt Tänzler. Er sieht in ihnen Trendsetter, die den Weg für ihre heterosexuellen Landsmänner und Frauen ebnen. Und in Asien, das ist bekannt, boomt die Wirtschaft und damit die Tourismusindustrie – und davon wiederum werden auch die hiesigen schwul-lesbischen Reiseveranstalter profitieren.
‘Abzocken’ nenne ich das.
Natürlich darf es Hotels und Kreuzfahrten und sonstwas nur für Schwule geben. Wenn ein entsprechender Markt da ist – bitte. Es gibt schließlich auch genug Angebote die sich, explizit formuliert oder unausgesprochen, nur an nicht schwule Menschen richten. Aber so zu tun, als seien solche Sonderveranstaltungen für Schwule das allein glücklich machende, nervt ziemlich.