2 Mar 08

Am Donnerstag war ich in Hamburg, ich erwähnte es bereits. Während meines Spaziergangs durch die Stadt kam ich ins simmelieren über Blicke und Blickkontakte. Nun habe ich, wenn ich einen interessanten Menschen sehe, keine Hemmungen ihn direkt anzuschauen und ihm ins Gesicht zu blicken. Erstaunlicherweise haben viele nicht schwule Männer ein Problem damit, wenn sie intensiv angeschaut werden? Erst brezeln sie sich mit wilden Frisuren und Bärt(ch)en auf, tragen vollkommen idiotische Sonnenbrillen und veranstalten sonst was, um aufzufallen, und dann, wenn jemand guckt, ist’s ihnen unangenehm. Naja, zum Glück sind die meisten attraktiven Männer eh schwul, und denen macht das angeschaut werden nichts aus – im Gegenteil! Gedanken habe ich mir aber eher darüber gemacht, wen ich nicht anschaue. Da sind auf der Reeperbahn diese ‘Hast Du nicht Lust mal die süßen Mäuschen hier bei uns zu besuchen’-ins-Bordell-zieh-Typen. Jedes mal wenn ich einen sah, und auf der Reeperbahn sieht man viele, habe ich schnell weggeschaut und bin ausgewichen. Dann waren da die obdachlosen Bettler, die um Spenden baten. Ich tat so, als würde ich sie nicht bemerken, sie nicht sehen. Mehrere Fernsehteams waren unterwegs (in Hamburg ist es fast so schlimm wie in Köln – überall Fernsehfritzen die Volkes Stimme einfangen wollen). Immer schaute ich schnell weg, bevor sie mich als möglichen Interviewpartner ausgucken konnten.

In einem Geschäft, ich wollte mich nur etwas umsehen, steuerte direkt eine Verkäuferin auf mich zu. Ich vermied es, sie anzusehen, und nahm einfach irgend etwas aus dem Regel, in der Hoffnung, sie würde den Eindruck gewinnen, ich hätte das Gesuchte bereits gefunden und bedürfe keiner Hilfe.

Nun sind mir aufdringliche Verkäuferinnen, Fernsehteams und Bordellanlocker ziemlich egal; im Zweifel werde ich sie mit ein paar freundlichen oder, je nach Stimmungslage, unfreundlichen Bemerkungen schnell los. Das Weggucken dient eher der Vereinfachung und Zeitersparnis. Aber was ist mit dem Bettler? Was ist mit denjenigen, die in Bahnhöfen und U-Bahn-Zügen Obdachlosenzeitschriften anbieten? Fast immer treten diese Menschen sehr zurückhaltend auf und bringen ihr Anliegen höflich vor (ganz im Gegensatz zu den Fernsehleuten!). Warum schaue ich weg? Warum mache ich einen Bogen um diese Menschen? Hier kann ich mich nicht dem ‘Vereinfachungseffekt’ herausreden.

Ich muss nicht gut finden, dass diese Leute um Geld bitten. Ich muss ihnen auch kein Geld geben. Wenn ich jedem Geld geben wollte, der mich darum bittet, hätte ich bald kein Geld mehr, das ich den Menschen geben könnte, die mich darum bitten. Offensichtlich ist es sehr schwierig für mich, den Blick dieser Menschen auszuhalten. Diese wichtigtuerischen Fernsehfritzen sind kein Problem – im Zweifel lache ich sie und ihr albernes Herumhantieren mit Kamera und Mikrophon aus. Aber ein Mensch, der auf der Straße lebt – egal wie es dazu gekommen ist -, ein Mensch der für ein paar müde Euro sich selbst entwürdigt und andere anbettelt, darüber kann ich nicht lachen. So einen Menschen kann ich nicht auslachen. Eigentlich kann ich gar nicht damit umgehen. Es ist nichts anderes als Hilflosigkeit, die mich wegschauen lässt, die mich den Blickkontakt vermeiden lässt. Einem anderen Menschen zu sagen, dass er von mir keine Hilfe erhält, und ihn dabei anzuschauen, ist sehr schwierig für mich.

Ich habe in Hamburg zwei Jungs, beide um die zwanzig Jahre alt, beobachtet, die am Straßenrand saßen und Passanten anbettelten. Und ich konnte schnell feststellen, dass ich nicht der einzige bin, der in solchen Situationen lieber woanders hin schaut. Aber selbst diejenigen, die ein paar Münzen erübrigten, haben ihre Spende eher unauffällig, im Vorbeigehen, ohne die Beiden eines eingehenderen Blickes zu würden, in den aufgestellten Becher fallen lassen.

Ein ähnliches Phänomen habe ich beobachtet bei der Begegnung mit Menschen, die aufgrund von Krankheit oder Verletzung körperlich entstellt sind. Aus der Ferne werden diese Menschen angestarrt, beim näher kommen wird verschämt weggeschaut und jeder Blickkontakt vermieden.

Wie verträgt sich das mit dem unerträglichen Voyeurismus, wenn uns im Fernsehen das Leid anderer Menschen präsentiert wird? Wie verträgt sich das mit den Schaulustigen nach Verkehrsunfällen oder dem Katastrophentourismus? Solange wir zuschauen, solange wir gaffen können, ohne selbst (unmittelbar und individuell) gesehen zu werden, ergötzen wir uns am Leid anderer. Wenn aber der Leidende, der Hilfesuchende, der Bittende, vielleicht gar um Hilfe Flehende, unmittelbar vor uns steht, wenn er uns anschaut, dann wenden wir uns ab. Dann haben wir nicht den Mut zu helfen, oder zu sagen, dass wir nicht helfen können oder wollen. Dann, wenn wir unmittelbar gefragt sind, wollen wir plötzlich in Ruhe gelassen werden, verbitten uns Belästigungen. Wenn das Leid anderer nicht unserer Unterhaltung dient, wollen wir damit nichts zu tun haben.

Ich weiß nicht, was daraus wird, aber ich habe mir vorgenommen, den Blicken anderer Menschen nicht mehr auszuweichen – gerade dann nicht, wenn sie mir unangenehm sind.

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