Ich war am Donnerstag in Hamburg, habe meinen Freund begleitet, der dort beruflich zu tun hatte. Ein paar Stunden lang war ich alleine in der Stadt, die ich gerne zu meinen Lieblingsstädten zähle, unterwegs. Ich beschloss, der Mysteryhall in der Talstrasse eine Besuch abzustatten. Früher war ich da ganz gerne. Ich mag dieses Düstere, dieses Verruchte. Diese unwirkliche Stimmung, die in Pornokinos dieser Art herrscht. Ich mag die Gerüche und die Geräusche, die Art der Kontaktaufnahme, das Kommen und Gehen. Das Halbdunkle, das Zwielicht und das Zwielichtige. Ich mag es, nicht alles zu erkennen, nicht alles sofort wahrzunehmen, nicht dem gleißenden, alles offenbarenden Sonnenlicht ausgesetzt zu sein. Seit mehr als 10 Jahren war ich nicht in so einem Kino, ich habe keinen Bedarf mehr; meine Bedürfnisse werden zu Hause gestillt – viel besser! Aber ich erinnere mich noch gut an ein ähnliches Kino wie die Mysteryhall. In Münster am Hauptbahnhof. Kaum dass ich meinen Führerschein hatte, war diese Kino das Ziel meiner Abend- und Wochenendausflüge, gab es dort doch unkompliziert das, was in meiner kleinen Heimatstadt (im Vor-Internetzeitalter) nicht so einfach und unkompliziert zu bekommen war: Sex. Das Kino hatte, dank Universität, Hochschulen, zahlreichen Kasernen und dem Priesterseminar, anfangs ein interessantes und abwechslungsreiches Publikum. Meine erste große Liebe (aus Osnabrück) habe ich dort kennen gelernt. Irgendwann, nach dem sich die Infrastruktur in Münster verbesserte, verlagerte sich das Geschehen zu anderen Orten und das Kino wurde unpopulär.
Nun also in Hamburg: Ich hatte etwas Zeit und mir kam es in den Sinn, die alten Cruising-Erinnerungen aufzufrischen. Ausserdem wollte ich mal schauen, wo mein Marktwert steht.
Ich war bitter enttäuscht. Nicht von meinem Marktwert, dazu gleich mehr, aber von dem Kino in der Talstraße. Es hatte sich zu einem heruntergekommen Gammelschuppen entwickelt. Der Typ an der Kasse war so abstoßend – ich wäre besser nach diesem Ersteindruck wieder gegangen -; nicht wegen seines Aussehens, dafür kann er nicht, aber wegen seines Verhaltens. Der wollte nicht verkaufen, er wollte einfach in Ruhe seine Zeitung lesen und seinen Kaffee schlürfen. Kunden störten dabei nur. Eine Begrüßung war nicht drin. Dass ich ihm die EUR 7,50 Kinoeintritt nicht abgezählt gab, empfand er als ausgemachten Angriff auf seine Bequemlichkeit, musste er mir nun neben der Eintrittskarte – in Gestalt eines Kassenbons – auch noch Wechselgeld herausgeben. An der Kinotür selbst prangte ein grosses Schild, nach dem das Kino täglich gereinigt würde. Mir stellte sich sehr schnell die Frage: Welches Kino wird täglich gereinigt? Das von mir besuchte jedenfalls nicht. Mit meinem Betreten des Kinos senkte sich, obwohl ich ja längst nicht mehr zu den ‘Jungen’ gehöre, der Altersdurchschnitt erheblich. Das Programmangebot war langweilig, die Räume im Zustand des Verfallens und das Publikum größtenteils unansehnlich – auch im Halbdunkeln. Ich hatte das alles ganz anders in Erinnerung und auch ganz andere Erwartungen. Früher waren in solchen Kinos Jungs in meinem (damaligen) Alter zu finden, am Donnerstag in Hamburg war ich der Jüngste. Allein das ließ meinen Marktwert in die Höhe schnellen. Nach einiger Zeit kamen dann doch noch zwei oder drei Männer in meinem Alter dazu, aber ich hatte schon längst jegliche Lust verloren. Außerdem waren die Anwesenden fast ausnahmslos verklemmte Typen, die für ein oder zwei Stunden vor ihren Frauen oder Freundinnen geflohen waren und in dem Kino suchten, was sie zu Hause nicht bekommen. Um die 7,50 Euro nicht völlig als Fehlinvestition abschreiben zu müssen, habe ich dann noch eine Weile den Balzritualen, meisten plump und peinlich, zugeschaut, mich darüber gewundert, wer vor wem nicht zurück schreckt, war dann aber doch sehr schnell sehr genervt. Von dem – man mag darüber lachen und es nicht nachempfinden können – aufregenden Flair, das ich früher in solchen Kinos empfunden habe, war nichts, aber auch gar nichts zu spüren. Die Mysteryhall wird mich nicht wieder sehen.
Auf meinem Weg zurück zum Bahnhof bin ich über die Reeperbahn gegangen und habe beobachtet, dass das Publikum, dass in die verschiedenen Etablissements, für die die Reeperbahn berühmt ist, strömte, sich nicht von dem in dem Kino angetroffenen unterschied: Genau so verschämt, genau so abstoßend. Mir tun die Frauen und Männer Leid, die sich solchen Leuten, schmierige versiffte Typen, die ich nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würde, für Geld hingeben (müssen).
Nachdem meine verklärte Erinnerung an die Pornokinoromantik vergangener Tage der unerquicklichen Wirklichkeit gewichen war, hatte ich Zeit, über meinen Marktwert nachzudenken. Sehr schnell sah ich ein, dass ich mir den falschen Markt für die Wertfeststellung ausgesucht hatte. Denn diesem Publikum in dem Kino wollte ich gar nicht zur Bewertung zur Verfügung stehen.
Aber warum wollte ich meinen Marktwert überhaupt wissen? Welchem Markt will ich überhaupt zur Verfügung stehen? Sicher tut es gut, von Jungs und Männern, die ich selbst attraktiv finde, angeschaut zu werden, und zwar nicht nur einen Augenblick lang. Ich müsste lügen, wenn ich behaupten wollte, einem gelegentlichen Flirt in der realen Welt oder bei gr abgeneigt zu sein. Aber das ist nicht mein Markt. Und die Bewertungen, die ich dort erhalte, interessieren mich nur am Rande. Ich will, um die Sprache der Börsianer zu bemühen, kein Spekulationsobjekt sein, dass sich täglich für den Markt attraktiv und hübsch machen muss, dass täglich die Fassade ausbessern und Schwachstellen mit greller Werbung verdecken muss. Für die von André Kostolany beschriebenen zittrigen Hände bin ich nicht geeignet. Ich bin – so bilde ich es mir ein – eher eine Daueranlage, die in feste Hände gehört und dort auf lange Sicht ihren Wert steigert und Erträge bringt. Damit stehe ich aber auch nur einer begrenzten Zahl von Marktteilnehmern zur Verfügung. Oder, um es endlich auf den Punkt zu bringen: Mich interessieren nur die Bewertungen weniger Menschen über mich. Das mag als Arroganz aufgefasst werden, ist aber nur die Folge aus der Erkenntnis, dass ich es nicht allen Recht machen kann. Also versuche ich es nur den wenigen Menschen, die mir wirklich etwas bedeuten, Recht zu machen. Das ist der Markt auf dem ich mich bewege. Und dieser Markt hat seine ganz eigenen Bewertungsregeln, seine ganz eigenen Werte.
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