Auf ein ‘?‘ von Ulli (Ondamaris) möchte ich etwas ausführlicher Eingehen.
Es sind wohl verschiedene Aspekte, die eine Rolle spielen.
Die Mentalität der Menschen im UK ist eine andere als bei uns. Nach dem dort jahrzehntelang dem Verlust des Empire nachgetrauert wurde, hat man gegen Ende der Thatcher-Ära eine Art neues Selbstbewusstsein wiedergefunden. Dieses umfasst auch den Wunsch, ein moderner Staat zu sein. Dieses Umdenken führte nach mehreren Jahrhunderten extremer Homophobie auch zu einer anderen Einstellung gegenüber Schwulen. Das Wir-Gefühl, das uns Deutschen abgeht (zum Glück!), umfasst im UK mittlerweile meistens, nicht immer, auch Schwule und Lesben. Mann trifft in London eher auf Deutschenfeindlichkeit, als auf Schwulenfeindlichkeit. Allerdings darf man den englischen Humor nicht mit ‘Feindlichkeit’ verwechseln.
Es ist längst nicht alles in bester Ordnung. Die sich häufenden schwulenfeindlichen Ausfälle im Entertainment oder der Umgang mit Chris Dennings zeigen es deutlich. Auch gibt es im UK sehr viele gewalttätige Übergriffe auf Schwule – mehr als in Deutschland – und leider sind gerade in den letzten Monaten viele Todesopfer zu beklagen. Die Grundhaltung der Menschen gegenüber Schwulen ist gegenwärtig aber weitaus positiver als in Deutschland. Deshalb findet Gewalt gegen Schwule in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung viel mehr Ablehnung als in Deutschland. Es ist immer wieder bemerkenswert und auch beruhigend, wie hilfsbereit die Menschen sind, wenn es wieder einmal zu einem Angriff auf Schwule gekommen ist. In den letzten Wochen ist es wiederholt zu Überfällen auf Schwule in Cruising-Grounds gekommen. In Deutschland würde es heißen, ’selbst schuld, was treiben sich die Schwulen denn auch nachts im Park herum’. In London wird gefragt, was getan werden kann, damit sich jeder zu jeder Zeit im Park sicher aufhalten kann. Und tatsächlich fühle ich mich auf Londons Straße und Plätzen, auch den besonderen Plätzen, weitaus sicherer und wohler, als in deutschen Großstädten.
In Manchester und Liverpool zum Beispiel gibt es besondere Projekte, die die ‘Ansiedlung’ von Schwulen in diesen Städten fördern sollen, weil man dort der Meinung ist, dass es sich da, wo viele Schwule sind, gut leben lässt und die Attraktivität (für alle Menschen) dieser Städte auf diese Weise insgesamt gefördert wird. Darüber hinaus gibt es immer wieder in den Museen uä Sonderausstellungen und Veranstaltungen zum Thema ‘Homosexualität’.
Die Gesetzgebung hat im UK, besonders in England und Wales, in den letzen 10 Jahren gewaltige Fortschritte gemacht. Nicht nur, dass eine fast vollständige Gleichstellung schwuler und lesbischer Lebenspartnerschaften mit heterosexuellen Ehen erreicht wurde. Es gibt auch besondere strafgesetzliche Regelungen, die bei schwulenfeindlicher Gewalt anzuwenden sind. Nach und nach gehen die Gerichte dazu über, ihre erweiterten Strafmöglichkeiten in vollem Umfang zu nutzen. Auch gegenüber jugendlichen Straftätern. Wo hier nur eine zurückhaltende amtliche Verwarnung erfolgt (‘es war gar nicht nett, dass du jemanden zum Krüppel geschlagen hast, wir wären dir sehr dankbar, wenn du in Erwägung ziehen würdest, es möglicherweise nicht wieder zu tun’), werden in England langjährige Haftstrafen verhängt.
Die Rolle der Kirche ist im UK eine anderen. Die großen Kirchen spielen kaum noch eine Rolle. Katholiken und Anglikaner haben im vergangenen Jahr im Streit um die Adoptionsvermittlungsagenturen erneut erfahren müssen, dass das Parlament, und nicht Amok laufende Bischöfe, für die Gesetzgebung zuständig sind. Allerdings gibt es auch in zunehmendem Maße sich radikalisierende Christen, die, so sind sie halt, Schwule und Lesben zum Ziel ihres Hasses machen. Die Houses of Parliament beraten gerade ein Gesetz, dass Schwule und Lesben vor Hassreden schützen soll. Für Christen und anderen Religionen gibt es so ein Gesetz bereits, allerdings sind es mal wieder die Christen, die gegen die Ausdehnung des Schutzbereiches auf schwule und lesbische Menschen Stimmung machen. Sie wollen ungestört weiter hassen.
Auch der Islamismus breitet sich aus. Scottland Yard hat zeitnah zum Besuch des saudischen König in London mitgeteilt, dass es Erkenntnisse habe, dass die vom saudischen König finanzierte Moschee an Rande des Regent Parks eine Hochburg des islamistischen Schwulenhasses sei.
Die Medien im Königreich sind überwiegend gayfriendly eingestellt. Selbst die eher dem rechten Spektrum zuzuordnenden Blätter und die Murdoch-Presse halten sich, von gelegentlichen Ausfällen, wie im Zusammenhang mit dem Fall des Lord Madingley oder der idiotischen MRSA-Meldung in der ‘Metro’, mit schwulenfeindlichen Berichten zurück. Zu berücksichtigen ist auch, dass die Klatsch-und-Tratsch-Presse zwar hohe Auflagen erzielt, aber kaum ernst genommen wird. Während in Deutschland die BLÖD für viele Menschen das zentrale Informationsmedium ist, weiß in England eigentlich jeder, dass eher das Gegenteil von dem stimmt, was in der SUN steht.
Einen nicht hoch genug einzuschätzenden Einfluss auf die Entwicklung der letzten Jahre hat stonewall. Dieser Verband hat enorme Bedeutung gewonnen und mit seiner Lobbyarbeit viel erreicht. Es dürfte auf die Arbeit von stonewall zurückzuführen sein, dass kaum noch ein renommiertes britisches Unternehmen ohne Diversity-Policy auskommt. Oder anders ausgedrückt: Jedes Unternehmen, das etwas auf sich hält, will mit stonewall in Verbindung gebracht werden. Das gleich gilt für Behörden und andere öffentliche Einrichtung. Der Unterschied zum LSVD ist augenfällig. Während der LSVD sich in Kleinkram verzettelt und nicht einmal eine ansprechende Homepage zustande bringt, hat sich stonewall zu einer Instanz entwickelt, an der Politik und Wirtschaft nicht mehr vorbei kommen. Ein Beispiel aus der jüngsten Zeit: Einen Bankkunden war aufgefallen, dass sein Familienstand ’civil partnership’ nicht auf den Bankformularen vorgesehen war. Stonewall befrage darauf die dortigen Banken. Einige Banken, wie LloydsTSB, konnten mitteilen, dass sie schon längst vor der gesetzlichen Regelung wussten, dass sie Kunden mit gleichgeschlechtlichen Partnern haben und ihre Formulare entsprechend gestaltet sind. Andere räumten schamvoll ein, einen Fehler gemacht zu haben, entschuldigten sich und versprachen sofortige Abhilfe. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch in den britischen Unternehmen nach wie vor Diskriminierungen gibt. Zurzeit streitet zum Beispiel ein ehemaliger Mitarbeiter von HSBC mit seinem früheren Arbeitgeber.
Allerdings werden stonewall auch Stromlinienförmigkeit und eine allzu große Nähe zur Politik vorgeworfen. Peter Tatchell ist einer der bekanntesten Kritiker von stonewall. Ohne die Kritik hier im Einzelnen wiedergeben zu wollen: Die Kritiker übersehen, dass stonewall die Chance nutzt, Änderung der Gesetze zu erreichen. Es ist ungewiss, wie lange die politischen Mehrheiten und Stimmungen diese Chance noch bieten. Über Details kann man immer streiten. Und nur eine Institution mit einem Standing wie stonewall kann wirkungsvolle Aktionen, wie die gerade angelaufene gegen Mobbing in den Schulen, durchziehen.
Stonewall dominiert aber nicht das schwule Leben im UK. Es gibt eine Vielzahl von kleinen und großen Vereinen und Gruppen, die in verschiedenen Bereichen aktiv sind.
Paart man nun das Geschichtsbewusstsein der Britten mit dem dortigen schwulen Leben, führt das zur Zeugung eines LGBT History Month.
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