Auf verschiedene Fragen in Zusammenhang mit der Massenveranstaltung ‘Christival 2008′ hat die Bundesregierung in Person des Parlamentarischen Staatssekretärs Hermann Kues schriftlich und mündlich geantwortet.
Nicht nur in den USA, sondern auch in der Bundesrepublik Deutschland versuchen christlich-fundamentalistische Gruppen zunehmend, Lesben und Schwule mit pseudowissenschaftlichen „Therapien” von ihrer Homosexualität zu „heilen”. Ausgangspunkt der aktuellen Debatte ist die Tatsache, dass die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Ursula von der Leyen, die Schirmherrschaft für das „Christival 2008″ übernommen hat, das vom 30. April bis 4. Mai 2008 in Bremen veranstaltet wird. In diesem Rahmen sollte ein Seminar „Homosexualität verstehen – Chance zur Veränderung” von dem sogenannten Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft stattfinden. In der Seminarbeschreibung heißt es: „Viele Menschen leiden unter ihren homosexuellen Neigungen. Im Seminar geht es um Ursachen und konstruktive Wege heraus aus homosexuellen Empfindungen.”
In der schriftlichen Antwort (Bundestagsdrucksache 16/8022) erklärt die Bundesregierung zunächst:
Die Bundesregierung vertritt weder die Auffassung, dass Homosexualität einer Therapie bedarf, noch dass Homosexualität einer Therapie zugänglich ist.
Hätte die Bundesregierung es bei dieser Feststellung belassen, hätte wir glauben (!) können, unsere Regierung würde zumindest in diesem Punkt eine vernünftige Auffassung vertreten. Dank der weiteren Äußerungen der Bundesregierung wissen wir aber nun, dass die Damen und Herren Regierenden von der Idee der Homosexuellenheilung gar nicht so weit abrücken. Denn:
Mit der Übernahme der Schirmherrschaft durch die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist eine Anerkennung der christlichen Kinder und Jugendarbeit und eine Unterstützung der durch das „Christival” [Anmerkung: In seiner ursprünglichen Rezeption und Konzeption!] angeregten Impulse für die Stärkung junger Menschen verbunden, sie zur Selbstbestimmung zu befähigen und zur gesellschaftlichen Mitverantwortung sowie zum sozialen Engagement anzuregen.
Für dieses Seminar hat die Bundesregierung 250000 Euro Steuergelder zur Verfügung gestellt. Die Gesamtkosten der Veranstaltung ‘Christival 2008′ belaufen sich voraussichtlich auf 3,125 Mio Euro. Die 250000 Euro sind allerdings nicht unmittelbar dem Verein ‘Christival eV’ zur Verfügung gestellt worden, sondern wurden ohne weitere Nachprüfung der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (AEJ) überwiesen. Von dort ist zumindest ein Teil des Geldes an den CVJM geflossen. Angeblich haben AEJ und CVJM die Fördermittel (im Grunde nichts anderes als veruntreute Steuergelder – der Grundsatz der Trennung von Staat und Kirche ist offenbar auch im Hause von der Leyen unbekannt) an Christival eV weitergeleitet. Ebenso angeblich gibt es Bedingungen und Richtlinien, an die sich die Empfänger der Fördermittel zu halten haben. Eine Überwachung findet jedoch nicht statt. Und so hat die Bundesregierung dann auch erklärt:
In diesem Fall ist es so, dass wir uns natürlich auf den Gesamtantrag verlassen, auf die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend, auf den CVJM. Die klare Aussage von dieser Seite sowie die Tatsache, dass dieses Christival nicht zum ersten Mal stattfindet – es ist schon die vierte oder fünfte Veranstaltung – und es in der Öffentlichkeit hohe Anerkennung findet, sind ausreichende Hinweise darauf, dass hier verantwortlich gefördert wird.
So kann man sich selbst einen Persilschein ausstellen! Auf dieser Glaubensbasis ist es dann wohl auch zur Übernahme der Schirmfrauschaft durch die Frau Bundesministerin gekommen.
Die Publikationen des Vorsitzenden von „Christival”, Roland Werner, in denen er Thesen der Ex-Gay-Bewegung vertritt, einschließlich der Behauptung, homosexuelle Gefühle seien Symptome einer tieferliegenden Identitätskrise, (Roland Werner: „Homosexualität und Lebenserneuerung” in: Barbara Kittelberger/Wolfgang Schürger/Wolfgang Heilig-Achnek, Hrsg.: „Was auf dem Spiel steht”, München 1993; Roland Werner: „Christ und homosexuell?”, Moers 1981; Roland Werner, Hrsg.: „Homosexualität – ein Schicksal? Innere Heilung, Lebensbilder, Thesen zur Seelsorge, das Zeugnis der Bibel, Moers”, 1988; Roland Werner, Hrsg.: „Homosexualität und Seelsorge”, mit Beitrag von Gerard van den Aardweg, Moers 1993) sind der Bundesregierung angeblich nicht bekannt.
Der CVJM wiederum hat wissen lassen, er sei untröstlich darüber, dass Homosexuelle auf dem Christival 2008 nun doch nicht geheilt werden dürfen:
Der CVJM-Gesamtverband in Deutschland unterstützt das Christival [Anmerkung: Und zwar in seiner ursprünglichen Konzeption!] voll und ganz. [sic!] Umso mehr bedauern wir die Art und Weise der aktuellen öffentlichen Debatte um das Christival, die aus den Reihen der Bundestagesfraktion Bündnis 90/Die Grünen angestoßen wurde. An Stelle einer sachlichen Auseinandersetzung werden engagierte christliche Gruppen [Anmerkung: Gemeint sind die Homosexuellenheiler] beschimpft und diffamiert. Wir vermissen den Respekt gegenüber Andersdenkenden und Andersglaubenden [Anmerkung: Gemeint sind wiederum Homosexuellenheiler, die bekanntlich nicht den geringsten Respekt vor Homosexuellen haben], deren Glaubens-, Gewissens- und Meinungsfreiheit in gleicher Weise durch das Grundgesetz geschützt ist wie die der Kritiker des Christivals. Wir erwarten von politischen Verantwortungsträgern, dass sie bei aller Schärfe der Auseinandersetzung diese so führen, dass das Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher ethischer Orientierung in unserer Gesellschaft erleichtert und nicht erschwert wird [Anmerkung: Es sind gerade die Homosexuellenheiler und in deren Gefolge der CVJM, die nicht mit Homosexuellen zusammen leben wollen und deshalb Homosexuelle auf brutalste Form heilen wollen - vgl die Vorbemerkung in der Bundestagsdrucksache 16/8022].
Auf diese Stellungnahme hin erbringt die Bundesregierung, vertreten durch Hermann Kues, dem CVJM einen ausdrücklichen Vertrauensbeweis:
Der Bundesregierung ist diese Stellungnahme bekannt. Ich habe eben schon auf die Träger [Anmerkung: AEJ und CVJM] verwiesen und deutlich gemacht, dass diese für uns die Basis einer Bewertung und einer Beurteilung sind, weil das für uns absolut seriöse und verantwortungsvolle Träger sind. Ich betone ausdrücklich, dass die Ministerin sehr bewusst die Schirmherrschaft für diese Veranstaltung übernommen hat; denn sie will damit die christliche Kinder- und Jugendarbeit anerkennen.
Das heißt nichts anderes, als dass die Bundesregierung Homosexuellenheilung als förderungswürdigen Bestandteil der christlichen Kinder- und Jugendarbeit ansieht. Mehr noch:
Die Förderung von „Christival 2008″ entspricht den Zielsetzungen des Kinder- und Jugendplans. Das „Christival 2008″ ist ein Impulsgeber für die christliche Kinder- und Jugendarbeit der kommenden Jahre.
Ich hoffe nur, dass Alles endet nicht so wie hier.
Nicht nur in Bezug auf die Homosexuellenheilung hält die Bundesregierung die Veranstaltung für förderungswürdig (die Gewährung der Fördermittel und die Übernahme der Schirmherrschaft erfolgte vor Streichung der entsprechenden Programmpunkte). Auch ein fragwürdiger Schwangerschaftskonfliktberater, der selbst in Baden-Württemberg nicht die staatliche Anerkennung erhalten hat, darf sich auf dem Christival 2008 austoben. Ein gewisser Herr Arnold, der für den Verein Birke eV, auftritt meint:
Alle Frauen, die nach der Vergewaltigung „hilfreiche Abtreiber” gefunden haben, zerbrechen an gleich zwei Traumata, an dem der Vergewaltigung und dem der Abtreibung. Allen Frauen aber, die ihr Kind bekommen haben, gelingt es in weit besserem Maße, die ungeheure und furchtbare Erfahrung der Vergewaltigung zu verarbeiten.
Hermann Kues meint dazu:
Schriftmaterialien von Birke eV ist zu entnehmen, dass sie den Schutz des ungeborenen Lebens sehr hoch bewertet – mit entsprechenden Konsequenzen.
Eine nähere Beschäftigung mit der Arnold’schen Sichtweise, die dieser immerhin auf einer mit Steuergeldern reichlich geförderten Veranstaltung verkünden darf, würde, so Kues, die Bundesregierung überfordern. Die Beschäftigung mit Ferkelbüchern fordern nun einmal Zeit und Personal! Und schließlich genießen AEJ und CVJM das volle Vertrauen der Bundesregierung. Kues:
Ich glaube, man braucht dazu ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Staat und privaten Trägern. Man muss ein gewisses Vertrauen entwickeln.
Ich habe mich gerade entschlossen, diesem Post auch den Tag ‘Dummheit’ zu geben. Er gilt Herrn Kues.
Im Rahmen der Erörterung im Bundestag meldete sich auch der unvermeidliche Norbert Geis (CDU/CSU) zu Wort:
Herr Staatssekretär, sind Sie der Auffassung, dass es bei der Beurteilung der Frage, wie man Homosexualität behandeln soll, unterschiedliche Auffassungen geben kann,auch die Auffassung, dass man durch eine Therapie vielleicht eine Änderung dieser Haltung hervorrufen kann? [...] Ich wiederhole die Frage: Ist der Bundesregierung bekannt, dass es unterschiedliche Auffassungen zu Fragen der Behandlung von Homosexualität gibt und ist es richtig, wenn eine solche Auffassung als „Scharlatanerie” oder „Ideologie” bezeichnet wird, wie das Herr Beck getan hat?
Darauf fällt der Bundesregierung, in Gestalt von Herrn Kues, nach kurzem Vorgeplänkel ein:
Ich weiß aber auch, dass es unterschiedliche Auffassungen zum Thema Homosexualität gibt. Ich habe eben gesagt, dass der überwiegende Teil dieser Auffassung ist. Es gibt aber auch andere Auffassungen. Beispiele dafür sind hier ja eben auch genannt worden. Ich denke aber nicht, dass es Aufgabe der Bundesregierung ist, dies im Einzelnen zu bewerten.
Damit gerät die Eingangs zitiert Äußerung “Die Bundesregierung vertritt weder die Auffassung, dass Homosexualität einer Therapie bedarf, noch dass Homosexualität einer Therapie zugänglich ist” doch sehr ins wanken. Nicht, weil Herr Kues von diesen ‘anderen Auffassungen’ weiß, sondern weil er Geis nicht entschlossen entgegen tritt.
In ihrer schriftlichen Antwort erklärt die Bundesregierung mehrfach, der fragliche Themenblock ‘Homosexuellenheilung’ sei auf Intervention der Bundesregierung aus dem Christival-Veranstaltungsprogramm gestrichen worden. Davon rückt Kues in seiner mündlichen Beantwortung vor dem Bundestag ab.
Es ist richtig, dass ein Seminarteil zum Komplex Homosexualität von den Veranstaltern selbst aus dem Veranstaltungsprogramm herausgenommen worden ist. Das nehmen wir zur Kenntnis.
Das heißt, die Bundesregierung begrüßt diesen Vorgang nicht, sie hält die Streichung des Programmpunkts nicht einmal für richtig. Sie nimmt nur zur Kenntnis.
Der schriftlichen Äußerung ist zu entnehmen, dass die Bundesregierung mit radikal-evangelikalen Gruppierungen problemlos zusammenarbeitet:
„Campus für Christus” ist der Bundesregierung als eine evangelikal ausgerichtete Missionsbewegung bekannt. Der „Lesben- und Schwulenverband Deutschland e. V.” sowie die Ökumenische Arbeitsgruppe „Homosexuelle und Kirche” (HuK) e. V. kritisieren insbesondere die Aktivitäten von „Campus für Christus” zur „Umorientierung der Homosexualität”. [...] Es ist außerdem bekannt, dass die Organisationen „Campus für Christus” und „Weißes Kreuz” der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA, der evangelikalen Bewegung des Protestantismus), nahe stehen. Mit der DEA gibt es Kontakte auf Bundesebene mit der Bundesregierung. Das „Weiße Kreuz” ist überdies Fachverband im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland. Es gibt keine Anhaltspunkte, die gegen die Seriosität dieser Organisationen sprechen. Das „Adventswohlfahrtswerk” [Anmerkung: Es erhält in anderem Zusammenhang finanzielle Förderung aus Bundessteuermitteln] ist das Sozialwerk der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, einer evangelischen Freikirche, die in Deutschland ebenso wie weltweit tätig ist. Sie hat in Deutschland den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts (Artikel 140 GG in Verbindung mit Artikel 137 Abs. 5 WRV) und ist Gastmitglied in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen und der Vereinigung Evangelischer Freikirchen.
Der CDU/CSU-Staatssekretär hat bei dieser Erläuterung nicht einmal ein schlechtes Gewissen, denn
Informationen über konkrete Schädigungsfälle durch „Campus für Christus” sind
ihm nicht bekannt. Vor diesem Hintergrund frage ich mich, wie eine Vielzahl von CDU/CSU-Politikern dazu kommt, gegen den sich ausbreitenden Islamismus in Deutschland zu wettern. In der Sache haben sie zwar recht, übersehen aber die mindestens ebenso große Gefahr, die sich unter der schützenden Hand des Hauses von der Leyen ausbreitet.
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