Theo Kars ist in Deutschland kaum bekannt. In seiner niederländischen Heimat ist er jedoch ein gefragter Essayist, Schriftsteller und Übersetzer. Im Jahr 2003 ist von ihm das Buch ‘Praktisch verstand. Klein Handboek voor Non-Conformisten’ erschienen. Im Deutschen wurde daraus ‘Philosophie für Nonkonformisten – Kleine Anleitung zur Lebens-kunst’; herausgegeben vom Verlag C H Beck. Dabei ist der niederländische Titel viel schöner und viel treffender. Es geht Theo Kars nämlich nicht um die große Philosophie, sondern um ganz praktische Fragen des Verstandes. Und so beginnt er sein Buch mit einem Zitat von Epikur: “An allem Anfang aber steht die Vernunft, unser größtes Gut. Aus ihr ergeben sich alle übrigen Tugenden von selbst, ja, sie ist sogar wertvoller als das Philosophieren.”
Theo Kars streift in diesem Buch fast alle Bereiche des menschlichen Lebens. Er streift gewissermaßen durchs Leben. Dabei gelingt es ihm (anders als mir) sich kurz zufassen, schnell auf den Punkt zu kommen, die Themen, die ihm wichtig sind, eben nicht nur zu streifen, sondern den Kern der Sache, gewissermaßen im Vorbeigehen, frei zu legen. Entlarvend und anstoßend. Dabei aber, auch in der deutschen Übersetzung, fast immer elegant.
Hier ein paar Leseproben:
Vorwort
Als ich sechzig wurde, habe ich beschlossen, ein Buch zu schreiben, das die Summe meiner Lese- und Lebenserfahrungen enthalten sollte – das Vademecum, das ich mit dreißig so gerne gehabt hätte.[...]
Von daher lesen Sie dieses Buch vielleicht am besten, wie Sie den Werkzeugkasten eines anderen inspizieren. Vielleicht haben Sie Verwendung für einen meiner Schraubenschlüssel, oder Sie entdecken ein paar Muttern, die Sie gut gebrauchen können. So habe ich selbst auch immer gelesen: Was mir zusagte, habe ich mitgenommen, den Rest ließ ich liegen.
Der Sinn des Lebens
Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das geneigt ist, sich die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen. Seltsamerweise tut er dies nie in Momenten des Glücks – offensichtlich kennt er die Antwort dann. Henry de Montherlant behauptet schlichtweg, der Sinn des Lebens bestehe einzig und allein darin, glücklich zu sein. Wenn Leben nicht gleichbedeutend mit Glück ist, so Montherlant, kann man ebenso gut gar nicht leben.
Über den Sinn des Lebens nachzudenken, ist vollkommen sinnlos. Wer sich dabei ertappt, muss wissen, dass er es mit dem Symptom einer mentalen Störung wie Schlaflosigkeit oder Nägelkauen zu tun hat, und er sollte sich ausschließlich auf die Frage beschränken, warum er unglücklich ist und wie er dies ändern könnte.
Wenn man die Kerze fortnimmt
Jeder Mann, der viele sexuelle Abenteuer für sich verbuchen kann, ist schon einmal eines Morgens neben einer Frau aufgewacht, die so hässlich war, dass er sich genierte, sich noch einmal mit ihr in der Öffentlichkeit zu zeigen. Verwirrt fragte er sich, wie er sich so gehen lassen konnte, und hält seinen beschämenden, aber lustvollen Exzess für eine einmalige Entgleisung. Er kann sich trösten mit einem Aphorismus von Erasmus von Rotterdam, den Casanova wiederholt zitierte: “Sublata lucerna nullum discrimen inter mulieres” (“Wenn man die Kerze fortnimmt, sind alle Frauen gleich”)
Intelligenz und Verstand
Intelligenz ist die Fähigkeit, Wissen aufzunehmen, Verstand die Gabe, daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Zwischen diesen beiden Phänomenen besteht keinerlei Zusammenhang; es gibt hochgelehrte Irre und vernunftbegabte Analphabeten. Nicht die Höhe des Intelligenzquotienten entscheidet darüber, ob jemand ein glückliches Leben führen wird, sondern die Portion Nüchternheit, die er besitzt.
Drohungen
Drohungen sind die einzigen Versprechen, die man nicht immer einlösen muss.
Unabhängigkeit
Wirklich unabhängig bist du erst dann, wenn du niemanden über oder unter dir hast, wenn du, wie Montherlant es einmal ausgedrückt hat, nicht kommandierst und nicht kommandiert wirst.
Pluralis majestatis
Hüte dich vor Leuten, die “wir” sagen, wenn sie “ich” meinen. Sie versuchen auf diese Weise, den Anschein zu erwecken oder aufrecht zu erhalten, dass sie nicht allein dastehen. Sie verraten dadurch, dass ihnen im Grunde jegliches Vertrauen in die eigene Autorität fehlt. Das ganze Ausmaß ihrer Schwäche offenbart sich dann, wenn du sie fragst, ob sie mit diesem “wir” sich selbst und ihren Bandwurm meinen. Dann geraten sie ins Stottern.
Tierquälerei
Es gibt keinen einzigen Grund, die Misshandlung von Tieren weniger hart zu bestrafen als die Misshandlung von Kindern.
Religiöse Fanatiker
Allen Religionen ist das Merkmal zu eigen, dass sie nicht auf den Erwerb irdischen Glücks aus sind, sondern Glück nach dem Tod versprechen. Wer beschließt, sich einer Glaubensrichtung zu verschreiben, muss also an eine Gewissheit glauben, die alles andere als gewiss ist, nämlich an das Weiterleben unserer Seele nach dem Tod unseres Körpers. Es gibt keine einzigen Beweis für die Vorstellung, dass unsere Sinne unabhängig von ihren Organen existieren könnten und dass nach unserem Tod mehr von uns übrig bleibt als von einer Bakterie, einer Pflanze oder einem Tier. Auch die Idee eines <höheren> Wesens (Jahwe, Gott, Allah et cetera) beruht auf einem rein spekulativen Denken. [weiter]
Kleinkarierte Tabus
Viele Menschen ärgert es, wenn jemand sein Auto innerhalb der Begrenzungsstreifen eines Parkplatzes schief einparkt und somit nach eigenem Gutdünken über den ihm zugewiesenen Platz verfügt. Andere stören sich daran, wenn jemand sein Glas Bier oder seine Tasse Kaffee nur zur Hälfte oder zu zwei Dritteln austrinkt, weil ihm gerade danach ist. Und wieder andere sind schockiert, wenn man sich direkt nach dem Tennisspiel eine Zigarette anzündet. Viele können sich eine Ermahnung nicht verkneifen, wenn man eine überflüssig gewordene Gebrauchsanweisung in den Papierkorb wirft. Und wohl jeder kennt die Situation, dass bei einem gemeinsamen Essen das letzte Stück auf einem Teller liegen bleibt, weil sich niemand dem Verdacht aussetzen möchte, unverschämt zu sein. Wer diese kollektive Heuchelei nicht mitmacht und auch den letzten Bissen zu sich nimmt, kann damit rechnen, die Mehrheit der Anwesenden zu schockieren, auch wenn niemand eine Miene verziehen sollte. So gibt es Dutzende, wenn nicht Hunderte dieser kleinkarierten Tabus. Das Beste ist, man kümmert sich nicht darum und tut, was einem gefällt. Wer, nur um dem eigenen Gefühl für Anstand Genüge zu tun, den anderen dazu zwingen will, sein Glas leer zu trinken, besitzt die Mentalität eines Haustyrannen. Solche Leute sind die natürlichen Feinde eines freiheitsliebenden Menschen. Er sollte ihnen so weit wie möglich aus dem Wege gehen und ihnen niemals ihren Willen lassen.
Obskurantismus
Zu den schädlichsten Irrtümern gehört die Auffassung, der Menschen sei von Natur aus gut und nur durch äußere Einflüsse verdorben worden. Für diese Behauptung wurde niemals ein Beweis erbracht – sie ist nicht mehr als ein Glaubenssatz. [...] Andere wiederum denken, dass Homosexualität keine Frage der Veranlagung, sondern der Umstände sei und ein Kind “pervertiert” werden kann. Sie leben im Grunde in dem Wahn, dass ein Kind kein erotisches Interesse an seinen gleichgeschlechtlichen Mitmenschen entwickeln kann, wenn es nie etwas über Homosexualität erfährt. Eine falsche Sichtweise der menschlichen Natur ebnet staatlichen Zensurmaßnahmen den Weg, die seit dem ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert meistens euphemistisch als “Abfassung eines Kodex” bezeichnet werden. Wer sich das Recht anmaßt, anderen Informationen vorzuenthalten, um damit zu verhindern, dass sie bestimmte Erfahrungen machen, schränkt sie in ihren Entscheidungs- und Entfaltungsmöglichkeiten ein. Tragisch für diese Art Besserwisser ist, dass sie sich selbst für aufgeklärte Denker halten, während ihr Bestreben, die Menschen unwissend zu halten, das Gegenteil offenbart: Obskurantismus.
Zuvorkommenheit
Wenn Du bemerkst, dass sich jemand unhöflich verhält – egal wem gegenüber – solltest Du ihm aus dem Weg gehen, ungeachtet der Nachteile, die du dir damit eventuell einhandelst. Aber hüte dich davor, Ungezwungenheit, Grobschlächtigkeit oder einen auffallenden Mangel an Umgangsformen mit Unhöflichkeit zu verwechseln. Dies ist leicht zu beurteilen, wenn du den Begriff Höflichkeit durch Zuvorkommenheit ersetzt und ihn ganz wörtlich als den Wunsch verstehst, sich selbst dabei zuvorzukommen, andere unnötig zu belästigen oder zu behindern. Grobschlächtigkeit oder fehlende Umgangsformen kann man jemandem nicht verübeln – sie sind nichts anderes als Zeichen von Unwissenheit, Ungeschicklichkeit und Primitivität. Eine raue Schale spricht nicht gegen Feinfühligkeit und Herzensbildung. Hingegen sollte man sich vor Leuten in Acht nehmen, die sich in Höflichkeitsgesten erschöpfen. Sie sind entweder Einfaltspinsel oder Heuchler. Ein bestimmter Typus Mensch weiß nicht einmal, was Zuvorkommenheit eigentlich ist. Für diese Leute ist Höflichkeit ein Ausdruck von Unterwürfigkeit. Sobald sie sich stärker fühlen als der andere, werden sie unverschämt. Sie schnauzen ihre Untergebenen an, um sich in der nächsten Sekunde freundlich lächelnd einem anderen zuzuwenden. Dann weiß man eigentlich schon genug über sie: Sobald sie dich nicht mehr brauchen, schlägt ihre Liebenswürdigkeit in Unverschämtheit um.
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