28 Jan 08

Ich habe große Schwierigkeiten mit diesem Post. Es ist die achte oder neunte Fassung, die ich jetzt komplett neu schreibe. Die Überschrift habe ich mindestens ebenso oft ausgetauscht. Alan Greenspan hat einmal zu seinen Zuhörern gesagt: „Ich weiß, dass Sie glauben, Sie wüssten, was ich Ihrer Ansicht nach gesagt habe. Aber ich bin nicht sicher, ob Ihnen klar ist, dass das, was Sie gehört haben, möglicherweise nicht das ist, was ich meinte.“ Ich habe eine ähnliche Befürchtung: Ich fürchte, dass das, was ich hier schreibe, selbst wenn es mir gelingt, klar und eindeutig zu formulieren, missverstanden wird. Üblicherweise kostet mich ein Post nicht viel Mühe. Dieser Post kostet mich Mühe, Zeit und… Tränen. Tränen, weil das Schreiben dieses Posts mir zu einer weiteren Selbsterkenntnis verholfen hat, die ich nicht sachlich und objektiv einordnen kann.

Für den Einstieg hilft Theo Kars:

Selbstmord ist, so paradox es klingen mag, manchmal ein Ausdruck von Lebenslust.

Er meint damit nicht, im Zustand des Übermuts über ein Brückengeländer zu balancieren und den Absturz von der Brücke nicht zu überleben oder sich mit Hilfe irgendwelcher Substanzen ein gewaltiges Glücksgefühl zu verschaffen und dann an der Überdosis (der Substanz, nicht des Glücksgefühls) zu sterben. Er erklärt:

Wer sich nach reiflicher Überlegung dazu entschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen, hat Bilanz gezogen. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass die angenehmen Dinge des Lebens die unangenehmen nicht aufwiegen, und er hat keinen Grund zu der Annahme, dass sich dies noch einmal ändern wird. Statt eines unglücklichen Lebens wählt er den Tod.

Und er schreibt weiter:

Das Wissen, dass Selbstmord immer noch als Möglichkeit bleibt, kann sogar eine tonische Wirkung haben und jemandem die Kraft geben, weiter zu kämpfen. Selbstmord ist oft vernünftig, in manchen Fällen dumm, niemals aber feige.

Vor dem Tod habe ich keine Angst. Entgegen der in der Literatur so oft theatralisierten ‘Begegnung mit dem Tod’ wird diese Begegnung nicht stattfinden. Epicur meint, solange wir da sind, ist der Tod nicht da. Wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr da. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass er Unrecht hat. Mit dem Tod ist das Leben vorbei. Danach kommt nichts mehr. Ende. Aus.

Das bedeutet, dass alles Wichtige, was es in unserem Leben zu erledigen gilt, zu Lebezeiten erledigt werden muss. Wenn wir Fehler gemacht haben, müssen wie sie zu Lebzeiten korrigieren – zumindest müssen wir es versuchen. Wenn wir uns schuldig gemacht haben, müssen wir uns zu Lebzeiten ent-schuldigen. Darauf zu hoffen, dass uns irgendjemand von unserem falschen Tun, von unserer Schuld erlöst, auf eine Art ‘ewige Glückseligkeit’ nach dem Tod zu setzen, ist Selbstbetrug.

Im Grunde ist schon das Wort ‘Tod’ irreführend. Es hätte dieses Substantivs nicht bedurft. Tot-Sein ist eine viel treffendere Beschreibung. Tot-Sein heißt, Nicht-Sein. Der Begriff ‘Tod’ gaukelt uns vor, es gäbe etwas anderes nach dem Leben – einen Zustand oder eine Macht. Nach dem Leben folgt nichts und es ist dumm, von der ‘Macht des Todes’ zu sprechen. Der Tod hat keine Macht, weil er nichts ist. Das Leben geht einfach zu Ende. Nach dem Sterben sind wir das Gleiche wie vor unserer Zeugung: Nichts! Keine Gefühle, keine Empfindungen, kein Denken. Einfach nichts!

Manche Menschen berichten, dass sie nach einer Lebenskrise, nach einer schweren Krankheit oder nach einer Rettung aus höchster Lebensgefahr das Gefühl haben, ihnen sei ein zweites Leben oder ein neues Leben geschenkt worden. Nun, es ist nur ein Gefühl, eine emotionale Bewertung, denn es ist immer noch das eine Leben, das weiter geht. Aber dieser emotionale Einschnitt mag Anlass sein, sich selbst auf den Prüfstand zu stellen und, je nach dem, vieles oder alles anders zu machen. Hier kann sich eine riesengroße Chance verbergen, nunmehr bewusster und intensiver zu leben. Beides sind Schritte hin zu einem guten Leben.

Deshalb ist es wichtig, nicht auf einschneidende Erlebnisse zu warten, sondern immer wieder Bilanz zu ziehen, immer wieder zu prüfen, was noch zu tun ist, was wichtig ist, was sofort zu tun ist. Unser Leben kann schlagartig zu Ende gehen. Wir wissen nicht, wieviel Zeit uns bleibt. Und wir wissen nicht, wann das Leben anderer zu Ende geht. Das, was wichtig ist, müssen wir bald tun, sehr bald. Auch wenn es unangenehm ist. Und die angenehmen Dinge sollten wir ebenfalls bald tun und so oft wiederholen, wie es nur möglich ist. Es ist irrational, das Grab eines geliebten Menschen aufzusuchen. Er kann diese Geste nicht würdigen, er existiert nicht mehr. Es ist irrational, mit ihm zu sprechen. Er antwortet allenfalls in unserer Einbildung. Wenn wir es zu Lebzeiten des geliebten Menschen versäumt haben, ihm unsere Liebe zu zeigen, mit ihm Zeit zu verbringen, zu ihm zu sprechen, ihn um Verzeihung für die kleinen und großen Fehltritte zu bitten, brauchen wir es an seinem Grab nicht nachholen. Es ist vergeblich. Er hört es nicht mehr, er kann uns nicht mehr verzeihen, er kann unsere Liebe nicht mehr erwidern. Er antwortet nicht mehr! Darauf zu hoffen, in einem späteren Leben etwas erledigen zu können, auf ein Leben nach dem Tod zu setzen, ist Betrug an den Menschen, die uns wichtig sind und die wir in diesem einen Leben vernachlässigen. Wer am Grab eines Verstorbenen weint, weint nicht selten über die eigenen Versäumnisse, weint darüber, nicht rechtzeitig geredet, gefragt, geantwortet, gehandelt zu haben. Diese Tränen sind ein Ventil für die eigenen Emotionen, sie sind gut für das eigene Gemüt. Und dennoch sind es Tränen, die vielleicht früher hätten vergossen werden müssen.

Das Ziel des Lebens ist nicht der Tod. Ziel ist nicht ein Leben nach dem Tod. Das Ziel des Lebens ist das Leben – hier und jetzt und so gut wie möglich! Ein gutes Leben zu leben – ich habe es schon mehrfach angesprochen ohne es zu definieren und ich will es auch jetzt nicht definieren – heißt immer auch, nach Kräften dafür zu sorgen, dass es den Menschen, die einem etwas bedeuten, gut geht. Ist ein Mensch, ein guter Freund oder ein geliebter Mensch zu einem Teil dieses guten Lebens geworden, wird die Trauer über seinen Tod umso größer sein. Aber die Tränen die man vergießt, gelten dem Verstorbenen, auch wenn es ihm wiederum nichts nützt, und nicht den eigenen Versäumnissen.

Manche sage, Trauer sei immer etwas Eigennütziges, weil mehr der Verlust als der Tod eines Menschen betrauert werde. Ich halte das für Unsinn. Wer würde mit einem anderen Menschen eine enge Verbindung eingehen, wenn er weiß, dass diese Verbindung ihm dereinst einen Verlust einbringt?

Vor dem Tod habe ich keine Angst. Das Erleben des zu Ende gehens, das Sterben ist es, was mich ängstigt. Ich versuche mein Leben so bewusst wie möglich zu leben. Ich versuche, es zu steuern, wo es sich steuern lässt. Ich versuche, mit mäßigem Erfolg, meinen Vorstellungen von einem guten Leben gerecht zu werden. Dazu gehört auch, bewusst zu entscheiden, wann und wie dieses Leben zu Ende gehen soll. Es ist mein Leben, es gehört niemandem sonst. Ich will mein Sterben als letzten Abschnitt meines Lebens bewusst erleben. Und ich will, dass es ein gutes Sterben ist.

Vielleicht wird sich das Nachdenken über diese Fragen von einer Sekunde zur nächsten von selbst erledigen. Durch einen Unfall oder eine Gewalttat. Vielleicht wird mein Körper auch einfach das Licht ausschalten, ohne vorher zu fragen, ob es mir recht wäre (Geist und Körper kommunizieren bei mir nicht besonders gut miteinander. Einer von Beiden erweist sich meistens als schwach und damit als Sieger). Vielleicht aber wird es auch so sein, dass sich das Ende meines Lebens durch nicht mehr verdrängbare Zeichen des körperlichen und/oder geistigen Verfalls andeutet. Dann will ich über mein Leben und das Ende desselben entscheiden. Ich will nicht, dass Ärzte (mit ihrem fragwürdigen Berufsethos) zusammen mit Juristen (mit ihren juristischen Spitzfindigkeiten) darüber befinden, wann und wie mein Leben zu Ende gehen soll. Schon gar nicht will ich ‘im Rahmen gesetzlicher Regelungen’ sterben.

Je länger ich darüber nachdenke und mit jeder neuen Version dieses Textes wird mir klarer, dass die Angst vor dem Sterben genau so irrational ist, wie die Angst vor dem Tod. Zusammen mit dem Leben enden auch alle Empfindungen. Mit dem Sterben hören alle Qualen und Schmerzen auf. Vielleicht ist es ein schönes Gefühl zu sterben. Wer weiß das schon?

Im Grunde ist es ganz einfach:

Nichts → zu leben beginnen → fremdbestimmtes Leben → selbstbestimmtes Leben → gutes Leben → aufhören zu leben → Nichts

Ich würde (Konjunktiv!) es auch so durchziehen, bis zum Schluss. Wenn, ja wenn da nicht mein Freund wäre. Ich liebe ihn. Ihn zu lieben heißt, mit ihm zusammen ein gutes Leben zu leben und zumindest die wichtigsten Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Die Entscheidung, mein Leben zu beenden, könnte ich demnach nur mit ihm gemeinsam treffen, denn es scheint eine der wichtigsten Entscheidungen zu sein. Aber ich würde ihm damit auch eine gewaltige (Mit-)Verantwortung aufbürden. Und ich weiß nicht, ob er dieser mentalen Belastung gewachsen wäre. Aber darf ich ohne ihn entscheiden? Wohl kaum! Wenn wir schon darüber gemeinsam befinden, ob wir eine neue Waschmaschine kaufen oder nicht und wo wir unseren Urlaub verbringen, kann ich ihn bei einem offensichtlich lebensentscheidenden Entschluss nicht übergehen.

Ich würde (wieder Konjunktiv!) auch das durchziehen. Aber wie wäre es im umgekehrten Fall? Wie wäre es, wenn sich abzeichnete, dass nicht mein Leben, sondern das meines Freundes zu Ende ginge? Allein der Gedanke daran treibt mir Tränen in die Augen. Was, wenn er mir den Wunsch vermitteln würde, nicht mehr Leben zu wollen? Wenn er Schmerzen oder den betäubenden Einfluss von Medikamenten nicht mehr ertrüge? Würde ich ihn ’sterben lassen’? Würde ich ihm vielleicht sogar helfen, sein Leben zu beenden? Oder würde ich versuchen, es zu verhindern? Würde ich mich auf die Seite derer stellen, die darauf hinweisen, dass morgen schon ein neues Heilverfahren zur Verfügung stehen könnte. Würde ich mit den Moralaposteln argumentieren, dass Leiden eine Tugend sei und von der Erhabenheit des Leidens reden? Würde ich meinem Freund sagen, “Du musst bleiben so lange es geht, weil ich Dich brauche”? Würde ich ihn anflehen, mir nicht das Liebste zu nehmen, was ich habe?

Jemanden lieben heißt, ihn besitzen zu wollen. Aber es heißt nicht, ihn zu besitzen. Beides wird oft verwechselt. Ich will meinen Freund haben, aber ich habe ihn nicht. Ich nehme für mich in Anspruch, ein gutes Leben leben zu dürfen und gut sterben zu dürfen. Mein Freund ist der letzte Mensch, dem ich genau dieses verweigern darf. Wenn er gehen will, muss ich ihn gehen lassen. Er gehört zu mir, aber er gehört mir nicht. Nur meine Liebe zu ihm gehört mir. Und sie gehört mir auch noch, wenn er weg ist. Mit all den Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, muss ich fertig werden, nicht er. Er darf nicht für mich leiden.

Wenn mein Freund vor mir stürbe, egal ob ich Zeit bekäme, mich an die Situation zu gewöhnen oder ob es unerwartet geschähe, was würde dann aus mir werden? Ich wäre dann ein Überlebender. Ein Überlebender will ich nicht sein!

Related posts


Filed under: Gay, Leben, Schwul

Trackback Uri


Trackbacks/Pingbacks

  1. [...] wenn man nicht mehr kann, wenn man nicht mehr will, wenn es nicht mehr geht, dann ist es gut, wenn jemand da ist, der bei den letzten Schritten [...]



Leave a Comment



Subscribe without commenting