22 Jan 08

Steven Pinker wirft die Frage auf, ob der religiöse Hintergrund eines Menschen Einfluss auf die Beantwortung moralischer Fragen hat und erweitert das Trolley-Experiment:

Der führerlose Straßenbahnwagen rollt auf einen auf den Gleiskörper stehenden Lehrer zu. Durch umstellen der Weiche könnte das Fahrzeug auf ein unbesetztes Gleis gelenkt werden und niemand würde verletzt oder getötet. Jedoch: Beim Umstellen der Weiche würde ein Signal ausgesendet, dass es einer Schulklasse mit sechsjährigen Schülern erlauben würde, einem Teddybär den Namen Mohammed zu geben.

Ist es erlaubt, die Weiche umzustellen?

Das ist kein Witz. Und der Sacherhalt ist gar nicht so theoretisch, wie er scheint. Im vergangenen Monat erlaubte eine britische Lehrerin in einer Privatschule im Sudan ihrer Klasse einen Teddybär Mohammed zu nennen. Sie wurde wegen Gotteslästerung ins Gefängnis gesteckt und es drohte ihr eine öffentliche Auspeitschung. Die Volksmenge vor dem Gefängnis verlangte, sie zu töten.

Ob der Weichenhebel umgelegt wird, hängt ganz davon ab, wer den Hebel bedienen könnte und welchem Wert er dem menschlichen Leben im Vergleich zu anderen Werten beimisst. Egal, ob der Betreffende die Lehrerin rettet oder ob er sie dem sicheren Tod ausliefert; in beiden Fällen werden höchste moralische Grundsätze herangezogen, um das Verhalten zu rechtfertigen oder zu verdammen.

Das Beispiel verdeutlicht, wie sehr religiöse Auffassungen Einfluss auf die Definition von ‘Moral’ haben. Ein im christlichen Glauben verhafteter Mensch würde gewiss nicht zögern und die Weiche umstellen. Das bedeutet aber nicht, dass das Christentum im Vergleich zum Islam die ‘bessere’ Religion wäre, denn es gibt auch Situationen, in denen das Christentum der Bewahrung seiner ‘Würde’, der ‘Würde’ seiner Heiligkeiten und Heiligtümer einen höheren Stellenwert beimisst, als dem menschlichen Leben.

Moralischer Instinkt und vernünftiges Denken führen in vielen Lebenssituationen zu den gleichen Handlungen und Entscheidungen, so dass sich die Frage stellt, warum so viele Menschen den Umweg über die Moral gehen. Die Antwort wird darin liegen, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, dass der moralische Instinkt, anders als Naturinstinkte wie zum Beispiel spontane Abwehrreaktionen bei Angriffen oder das Schützen der Augen bei hellem Licht, nicht angeboren ist. Er ist anerzogen oder besteht aus bei anderen abgeschauten Verhaltensweisen. Er ist nicht das Ergebnis eigenen und unvoreingenommenen Denkens, er ist die Übernahme von Regeln anderer. Er ist vorgegebenes Denken und Handeln.

Immer dann, wenn Moral eine religiöse Ausprägung erfährt, entfernt sie sich von der Vernunft und verlangt absurde Verhaltensweisen. Die Kunst liegt darin, zu erkennen, wann sich die Moral von der Vernunft verabschiedet. Man mag glauben, was man will: Wenn die menschliche Vernunft der Religion geopfert wird, wenn gar die Moral verlangt, gegen die menschliche Vernunft zu entscheiden und damit gegen die Menschen zu handeln, dann hat nicht die Vernunft versagt, dann haben die Menschen versagt, die dem fremden Denken ihr eigenes Denken geopfert haben und die ihren eigenen Willen gedankenlos einem fremden Willen unterordnen. Unsere Fähigkeit zu denken, unsere Fähigkeit vernünftig abzuwägen und eigenständig zu entscheiden, machen unser Menschsein aus. Opfern wir dieses Menschsein einer fremden ‘Macht’, einer Ideologie oder Religion, dann opfern wird auch unsere Menschlichkeit. Nur so ist es zu erklären, warum so viele glaubende Menschen in der Lage sind, anderen Menschen unmenschliches Leid zuzufügen, im Namen ihrer Moral, im Namen ihrer Ideologie, im Namen ihrer Religion, im Namen ihres Gottes.

Das Trolley-Teddybär-Gedankenexperiment ist nicht so unreal, wie es auf den ersten Blick vielleicht wirkt, und der Konflikt zwischen unterschiedlichen Auffassungen von Moral im Fall der Lehrerin im Sudan ist nicht ein Problem, dass sich nur in fernen Ländern abspielen könnte. Die britische Supermarktkette Sainsbury’s erlaubt es ihren Kassierern, den Verkauf von alkoholischen Getränken aus Glaubensgründen zu verweigern. Vorausgegangen war dem eine Auseinandersetzungen mit einigen (nicht allen!) muslimischen Angestellten des Warenhausbetreibers, die es für unmoralisch halten, zu bestimmten Zeiten (‘Ramadan’) Alkohol zu konsumieren und darauf aufbauend den Verkauf von Alkohol ebenso für unmoralisch halten. Sainsbury’s bietet den betroffenen Arbeitnehmern nun an, immer dann, wenn ein Kunde mit alkoholischen Getränken an der Kasse erscheint, mit einem anderen Kassierer den Arbeitsplatz zu tauschen oder einen anderen Kassierer zu bitten, die Getränkebehältnisse über den Scanner zu ziehen. Muslimische Verbände in Großbritannien halten dieses Entgegenkommen von Sainsbury’s für zu weit gehend und weisen darauf hin, dass den betroffenen Arbeitnehmern vor Antritt ihrer Stellung die Art ihrer Tätigkeit bekannt war und dass das Nichterfüllen des Arbeitsvertrags kein adäquates Verhalten sei.

Die Liste der verbotenen Lebensmittel ist, je nach Glaubensrichtung, lang. Konsequent weiter gedacht müsste Sainsbury’s seinen Arbeitnehmer auch die Möglichkeit einräumen, den Verkauf anderer Gegenstände aus moralischen Gründen abzulehnen. Und wie wird Sainsbury’s sich verhalten, wenn Arbeitnehmer sich weigern, bestimmte Kunden (Frauen, die abgetrieben haben; Schwule; Christen; Schwarze; Weiße; Ehebrecher; Lehrer, die ihren Schülern bestimmte Dinge erlauben – wer auch immer vom jeweiligen moralischen Standpunkt per se als unmoralisch gilt) zu bedienen? Das würde im Großbritannien des Jahres 2008 kein großes Problem darstellen; niemand müsste deshalb verhungern. Anders würde es jedoch aussehen, wenn es nicht um die Angestellten von Sainsbury’s geht, sondern um Ärzte in einem Krankenhaus. Wenn sich in einem medizinischen Notfall ein Arzt weigert, aus moralischen Erwägungen bestimmte Behandlungen nicht durchzuführen oder bestimmte Patienten nicht zu behandeln und kein anderer Arzt zur Verfügung steht, kann das den Tod des Patienten bedeuten. Diese Überlegung ist kein weiteres Gedankenexperiment! Im vergangenen Jahr meldeten die Medien, dass sich in Deutschland und Großbritannien Medizinstudenten aus moralischen Gründen weigern, bestimmte Behandlungsmethoden zu erlernen oder an bestimmten praktischen Ausbildungsabschnitten teilzunehmen.

Anders würde es auch aussehen, wenn solche moralischen Erwägungen sich nicht nur in Sonderwünschen Einzelner niederschlagen, sondern in das Rechtssystem eines Staates Eingang finden würden. Dann könnte durch ein Gesetz oder eine Rechtsverordnung geregelt werden, was verkauft werden darf und was nicht. Und es könnte geregelt werden, wer bedient wird und wer nicht. Auch das ist kein Gedankenexperiment! Die Gegenwart und die Geschichte kennen sehr reale Beispiele für solche Vorgänge.

Es gibt keine gute oder schlechte Moral. Es gibt nur Vernunft oder Unvernunft. Steven Pinker macht darauf aufmerksam, dass selbst die größten Verbrecher in der der Geschichte der Menschheit für sich in Anspruch nehmen können, dass ihr Verhalten moralisch ist. Gelingt es diesen Verbrechern, genügend Menschen mit ähnlichen oder gleichen moralischen Ansichten um sich zu scharren, so sind sie auf der moralisch sicheren Seite. Und so werden auch heute noch grauenhafte Verbrechen im Lichte der Moral schöngeredet und verharmlost. Selbstverständlich könnte ein Verbrecher auch zu der Ansicht gelangen, er handele vernünftig. Aber er wird keinen vernünftigen Menschen finden, der sich auf seine Seite stellt.

Die größte Gefahr geht von der Moral dann aus, wenn sie Eingang in die Rechtsordnung eines Staates findet. Es verstecken sich auch ohne Gesetzeskraft viele Menschen hinter ihrer Moral und lehnen es ab, vernünftig nachzudenken. Manchmal scheint es so, als würde Vernunft an sich schon als unmoralisch angesehen und Denken als Zeichen der Unmoral aufgefasst. Die Verbindung aus Moral und Gesetz ist noch viel mehr geeignet, Menschen glauben zu machen, sie seien im Recht, wenn sie andere Menschen diskriminieren, ausgrenzen, verletzen, töten. Uns sie brauchen sich nicht einmal zu verantworten, denn sie haben ja nur ihre Pflicht getan. Lässt sich mit einem nicht völlig verbohrten Menschen meisten über Moral diskutieren, und nicht selten sind diese Menschen auch bereit, jedenfalls dann, wenn sie sich nicht vor Publikum rechtfertigen müssen, sich mit ihrer Moral kritisch auseinander zu setzen, so endet diese Bereitschaft dann, wenn die Moral Gesetzeskraft erlangt hat. Denn das Gesetz verhilft den Moralisten, den Strafanspruch der Moral zu verwirklichen. Jeder, der dann an der verordneten Moral zweifelt, der es auch nur wagt, zu fragen, ob es denn richtig sei, diesen oder jenen nur wegen diesem und jenem Verhalten zu inhaftieren, zu foltern, zu ermorden, der setzt sich nahezu zwangsläufig der gleichen Strafverfolgung aus. Und so treten neben die, die von Natur aus nicht denken können oder wollen, diejenigen, die nicht denken dürfen.

Mit diesem vierten Teil endet meine Moral-Trilogie ;) vorläufig.

Was bleibt?

Wer die Geduld aufgebracht hat, bis hierher zu lesen, wird sich vielleicht fragen, warum ich nicht einfach Pinker’s Text übersetzt habe. Nun, derjenige, der nicht nur so geduldig war, dies hier zu lesen, sondern sich auch der Mühe unterzog, Pinker’s Aufsatz ebenfalls zu studieren, hat zweifellos bemerkt, dass ich, obgleich die gelegentlichen Bezugnahmen einen gegenteiligen Eindruck vermitteln könnten, gar nicht so sehr Steven Pinker’s Überlegungen gefolgt bin. Auf einen – vom Textumfang her – westlichten Teil von Pinker’s Ausführungen bin ich nicht eingegangen, weil ich sie für falsch halte. Pinker vertritt, vereinfacht wiedergegeben, die Auffassung, Menschen seinen von Natur aus gut und moralisch ‘richtiges’ Verhalten sei ein biologisch nachweisbarer und erklärbarer Naturinstinkt. Allein die konkrete Ausprägung des moralischen Verhaltens werde durch das kulturelle und religiöse Umfeld beeinflusst. Pinker redet damit, ich fürchte, er hat es nicht einmal bemerkt, all denen das Wort, die meinen, bestimmte Verhaltensweisen seien ‘wider die Natur’. Die Moral wird dadurch zu einem Naturgesetz. Es gibt aber, weder bei Pinker, noch bei den von ihm in Bezug genommenen Quellen, noch sonst wo, einen Beweis für die Richtigkeit der Behauptung, dass Menschen von Natur aus gut seien. Allerdings gibt es ebenso wenig einen Grund anzunehmen, dass Menschen von Natur aus vernünftig sind. Die Erfahrung lehrt Gegenteiliges.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass es notwendig ist, zu denken. Dass es notwendig ist, so früh wie möglich denken zu lernen, frei von religiösen Wahrheiten, irrationalen Moralvorstellung und obskuren Auffassungen über die Genealogie menschlichen Denkens.

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