Steven Pinker führt in seinem Aufsatz mehrere Beispiele, die auf den Psychologen Jonathan Haidt zurück gehen, auf, die zeigen, wie moralische Instinkte die besonnene und vernünftige Beurteilung verschiedener Sachverhalte verhindern. Hier eines dieser Beispiele:
Julie macht während der Semesterferien gemeinsam mit ihrem Bruder Mark in Frankreich Urlaub. Eines Abends meinen sie, dass es sicher Spaß machen würde und interessant wäre, miteinander Sex zu haben. Julie nimmt schon sei geraumer Zeit die Anti-Baby-Pille und Mark benutzt, zur Sicherheit, zusätzlich ein Kondom. Beide genießen den Sex, beschließen aber, es nicht zu wiederholen. Sie behandeln das Erlebnis als ihr besonderes Geheimnis, dass das Gefühl ihrer Verbundenheit verstärken soll.
War es in Ordnung, dass sie miteinander Sex hatten?
Die meisten Menschen werden diese Frage mit ‘nein’ beantworten, aber bei der Begründung für dieses ‘nein’ ins schleudern kommen. Hätten die Beiden keine Verhütungsmittel benutzt, könnte auf mögliche genetische Defekte eines bei der beschriebenen Gelegenheit möglicherweise gezeugten Kindes hingewiesen werden. Diese Begründung aber entfällt. Die Schilderung enthält auch keine Anhaltspunkte dafür, dass sich die Beiden in einem Abhängigkeitsverhältnis zu einander befunden hätten und das dieses ausgenutzt worden wäre. Zwang war auch nicht im Spiel. Es ist also nicht anzunehmen, dass eine(r) der Beiden einen emotionalen Schaden davon getragen haben könnte. Es kann auch nicht eingewandt werden, die Öffentlichkeit könnte durch den Vorgang peinlich berührt oder sonstwie betroffen sein, denn es hat sich im Geheimen abgespielt. “Ich weiß nicht warum, ich kann es nicht erklären, ich weiß nur, dass es falsch ist”, wird eine häufig zu hörende Antwort sein. Eine vernünftige Begründung für dieses Sexverbot gibt es nicht, und dennoch findet sich der Sex zwischen erwachsenen Geschwistern in den Gesetzbüchern vieler Länder als Straftatbestand wieder. In Deutschland hat das Bundesverfassungsgericht gegenwärtig zu entscheiden, ob es der Moral oder der Vernunft den Vorzug gibt. Bleibt das Verfassungsgericht seinem aktuellen Trend treu, wird es sich der Gesetzeskraft der Moral nicht in den Weg stellen und uns erneut eine juristisch verklausulierte Variante des ‘ich weiß nicht warum, ich kann es nicht erklären, ich weiß nur, dass es falsch ist’ liefern.
In England ist sogar Geschlechtsverkehr zwischen Geschwistern gleichen Geschlechts verboten. Offenbar ist es den dortigen Moralisten gelungen, nach Abschaffung des Straftatbestandes ‘Homosexualität’ über Umwege doch noch in Teilbereichen gleichgeschlechtlichen Sex zu verbieten. Der Sinn und Zweck dieser Regelung ist nicht erkennbar und es wird erneut deutlich, dass es der Moral immer nur um Strafe geht. Dafür braucht sie Verbote, mögen sie noch so sinnlos sein.
Das Trolley-Problem
Steven Pinker greift in seinem Aufsatz ein Gedankenexperiment von Philippa Foot auf Judith Jarvis Thomson auf, das als das ‘Trolley-Problem’ bekannt geworden ist.
Eines Morgens sehen Sie einen führerlos gewordenen Straßenbahnwagen, der sich mit hoher Geschwindigkeit auf fünf Männer zubewegt, die an den Gleisanlagen arbeiten. Die Männer bemerken die drohende Gefahr nicht. Zufällig stehen Sie an einer Weiche und könnten durch Umstellen der Weiche den Straßenbahnwagen auf einen anderen Streckenteil umleiten, so dass die fünf Männer nicht von dem Schienenfahrzeug erfasst würden. Unglücklicherweise würde das Fahrzeug dann einen einzelnen Gleisbauarbeiter, der sich in dem anderen Streckenteil aufhält, überfahren.
Ist es erlaubt, den Weichenhebel umzulegen und das Leben des Einen zu opfern, um die Fünf zu retten? Die meisten werden mit ‘ja’ antworten.
Stellen Sie sich nun folgende Abwandlung vor: Sie befinden sich auf einer Brücke oberhalb der Straßenbahngleise und sehen den führerlosen Straßenbahnwagen, der sich den fünf Gleisarbeitern nähert. Die einzige Möglichkeit, das Fahrzeug rechtzeitig vor dem Erreichen der fünf Männer zu stoppen, besteht darin, einen großen schweren Gegenstand vor den Straßenbahnwagen zu werfen. Das einzige hierfür in Betracht kommende Objekt ist ein neben ihnen auf der Brücke stehender dicker Mann.
Werden sie den Mann von der Brücke werfen, um die fünf Arbeiter zu retten?
In beiden Fällen geht es darum, das Leben eines Menschen zu opfern, um das Leben von fünf Menschen zu retten. Während in dem ersten Fall die meisten Menschen, die mit dem Gedankenexperiment von Foot/Jarvis konfrontiert wurden, angaben, sie hätten sich für das Umstellen der Weiche entschieden, wäre kaum einer bereit gewesen, den dicken Mann von der Brücke zu werfen. Und dass, obwohl die Problemlage identisch ist. Mit dem Tod eines Menschen kann das Leben von fünf Menschen gerettet werden. Warum sehen sich so viele Menschen gehindert, im zweiten Fall eine Entscheidung zu treffen, die sie im ersten Fall mit ihrem Gewissen, mit ihrem moralischen Instinkt vereinbaren konnten? Nun, es liegt wohl daran, dass im zweiten Fall ein aktives, eigenhändiges Töten eines Menschen erforderlich ist. Er muss angefasst und von der Brücke gestoßen werden (und würde wahrscheinlich schon den Aufprall auf den Gleisen nicht überleben und nicht erst von dem Straßenbahnwagen getötet). Im ersten Fall war das Töten ein sehr indirektes: Es musste zwar die Weiche umgestellt werden, aber der eigentliche Tötungsakt wird vom den Straßenbahnwagen durchgeführt. Hier zeigt sich nicht nur ein moralisches Dilemma, hier zeigt sich, wie pervers Moral sein kann. Das eigenhändige Töten wird als so moralisch verwerflich angesehen, dass statt dessen der Tod von fünf Menschen in Kauf genommen wird. Indirektes Töten ist offenbar weit weniger problematisch. So ist auch zu erklären, warum Menschen, die sich ihrer Moral und ihres moralischen Lebenswandels rühmen, keine Probleme damit haben, Kriegsmaterial herzustellen und in alle Welt zu liefern, keine Probleme mit der Todesstrafe haben und keine Probleme damit haben, andere Menschen zu Mord und Totschlag aufzufordern. Ihre Moral gibt ihnen Recht, denn sie töten nicht mit eigener Hand.
Ich bilde eine weitere Abwandlung:
Sie stehen wieder auf der Brücke, es ist aber weit und breit kein dicker Mann zu sehen. Ihre eigene Leibesfülle dürfte aber ausreichend sein, um den Straßenbahnwagen zu stoppen.
Springen Sie von der Brücke?
Sofern Sie im ersten Fall bereit waren, den einzelnen Schienenarbeiter zu opfern, müssten Sie springen. Vom moralischen Standpunkt her sind Sie auf der sicheren Seite: Sie würden als Held gefeiert, als toter Held zwar, aber das ist einem Moralisten egal. Der Fall ist nicht nur theoretisch. Wenn Sie bereit wären zu springen, um fünf Menschenleben zu retten, dann gehen sie in die nächste größere Klinik und stellen sich als Organspender zur Verfügung. Es werden sich schnell fünf Menschen finden, die eines oder mehrere ihrer Organe gebrauchen können und deren Leben damit gerettet werden kann. Organspenden sind für den Spender, je nach zu entnehmenden Organ, durchaus gefährlich. Sie können gesundheitliche Beeinträchtigungen mit sich bringen und die medizinischen Eingriffe können für den Spender tödlich enden.
Falls Sie aber im wirklichen Leben dazu nicht bereit sind, dann überdenken Sie noch einmal ihre Antwort in dem Gedankenexperiment. Wenn Sie nicht zur Organspende bereit sind, opfern Sie erst Recht nicht ihr Leben durch einen Sprung von der Brücke. Wenn Sie aber nicht springen, dann sollten Sie noch einmal scharf nachdenken, sofern Sie im ersten Fall die Weiche umgestellt hätten. Wie können Sie das Leben eines anderen Menschen opfern, wenn Sie nicht bereit sind, Ihr eigenes Leben einzusetzen?
All das zeigt, dass moralische Erwägungen nicht helfen. Sie führen von einem Dilemma ins nächste und sind nichts anderes als eine Ansammlung von Beliebigkeiten und Willkürlichkeiten. Sie führen, vernünftig betrachtet, eher zu falschen, als zu richtigen Entscheidungen.
Dazu ein Beispiel, dass an die Gedankenexperimente anknüpft, aber viel eher Realität werden könnte.
Sie fahren mit einem PKW mit hoher, aber nicht überhöhter, Geschwindigkeit auf einer Straße. Plötzlich läuft ein Kind vor ihr Auto. Sie mussten nicht damit rechnen, denn Sie sind fernab von Schulen, Kindergärten, Spielplätzen oder Wohnhäusern. Das Kind würde einen Zusammenstoß mit ihrem Fahrzeug mit großer Wahrscheinlichkeit nicht überleben. Sie könnten ausweichen, würden aber mit Sicherheit mit einem der Bäume am Straßenrand zusammenprallen und wahrscheinlich schwere, wenn nicht gar tödliche Verletzungen davontragen.
Wie entscheiden Sie? Toter Held sein oder leben? Falls Sie sich dafür entscheiden, das Kind zu überfahren, denken Sie kurz darüber nach, welche Schlagzeilen die Ortspresse für Sie erübrigen wird, denken Sie kurz darüber nach, dass Sie vielleicht den Eltern des Kindes in die Augen sehen müssen. Und berücksichtigen Sie, dass der Umgang mit Kindern in Deutschland mittlerweile zu einer Moralfrage ersten Ranges geworden ist. Bedenken Sie, dass Fragen der Kindererziehung, der Finanzierung des Kindesunterhalts und der Kinderbetreuung nicht mehr objektiv-sachlich, sondern ausschließlich über die emotionale Ebene diskutiert werden. Überlegen Sie, was mit Ihnen geschehen würde, wenn Sie andeuten würden, dass die gegenwärtige ‘Kinder über alles’ Politik kurzsichtig und die staatlichen Leistungen für die Kindererziehungen zu hoch seien. Mann und Frau würden Sie in der Luft zerreißen. Wenn Sie sehen, dass die vorherrschende moralische Auffassung verlangt, dass kinderlose Menschen sich finanziell ausbeuten lassen müssen, damit Umverteilungsmasse zu Gunsten der Menschen mit Kindern verfügbar wird, dann können Sie sich vorstellen, welche moralische Bewertung Sie nach dem Überfahren eines Kindes erhalten. Sie könnten aber auch dieses ganzen Moralüberlegungen sein lassen und vernünftig nachdenken.
Ist das Leben eines Kindes mehr wert, als das Leben eines erwachsenen Menschen? Nimmt der Wert eines Menschen mit dem Alter ab? In den Augen der Mehrheitsgesellschaft scheint das so zu sein, denn während die Politik, um der moralorientierten Erwartungshaltung der breiten Masse gerecht zu werden, sich selbst übertrifft in immer neuen materiellen Vergünstigungen für Kinder und deren Eltern und Rechtsansprüche aller Art begründet werden sollen, geraten alte Menschen immer mehr aus dem Blickfeld, insbesondere dann, wenn sie nicht wohlhabend sind. Werbespots vermitteln die Botschaft, dass es unmoralische sei, keine Kinder zu haben, oder anders gewendet, dass Kinder das höchste moralische Gut seien. Allenthalben werden mehr Kindergartenplätze mit bester Betreuung gefordert, während sich die finanzielle Situation alter Menschen ständig verschlechtert. Die Forderung nach einer kindgerechten Umwelt ist in aller Munde, während alte Menschen in Altersheimen, die nur selten einem Menschen, geschweige denn einem alten Menschen gerecht werden, ihr Dasein fristen müssen. Hier versagt die Moral. Ein Grund mag darin liegen, dass mit den Bildern bettnässender, gebrechlicher alten Menschen keine Wahlen zu gewinnen sind. Mit lustig in die Kamera lächelnder, spielender Kinder schon.
„Darunter Frauen und Kinder”, diese vier Worte dürften von Ulrich Wickert am häufigsten über den Sender geschickt worden sein. Kaum eine Unglücksmeldung, in der Wickert der Zahl der Opfer, nicht hinzufügte, dass sich unter den Opfern auch Frauen und Kinder befanden. Ist es schlimmer, wenn Frauen und Kinder Opfer eines Unfalls oder eines Verbrechens werden, als Männer? Ist das Leben von Männern weniger wert, als das von Frauen und Kindern. Die Moral beantwortet diese Frage mit ‘ja’, denn sie formuliert ‘Frauen und Kinder zuerst!’, wenn es um die Rettung aus höchster Not geht. Nehmen wir an, in dem Gedankenexperiment wäre durch das Umstellen der Weiche darüber zu entscheiden, ob der Straßenbahnwagen in eine Gruppe von Gleisarbeitern oder in eine Gruppe von Kindern fährt. Die Moral verlangt, das Schienenfahrzeug die Arbeiter überfahren zu lassen. ‘Ich weiß nicht warum, ich kann es nicht erklären, ich weiß nur, dass es richtig ist’.
Es ist aber falsch!