16 Jan 08

Am 13. Januar 2008 hat die New York Times einen Aufsatz mit dem Titel ‘The Moral Instinkt’ von Steven Pinker, Johnstone Family Professor of Psychology at Harvard University, veröffentlicht.

Heute und in den nächsten Tagen greife ich einige Überlegungen Pinkers auf.

Zu Beginn seiner Ausführungen stellt Steven Pinker die Frage, welcher der drei nachfolgend genannten Menschen der bewundernswerteste sei: Mutter Teresa, Bill Gates oder Norman Borlaug? Und er fragt weiter, welcher dieser drei Menschen der an wenigsten bewundernswerteste sei.

Für viele Menschen, so konstatiert Pinker, scheint es darauf eine einfache Antwort zu geben. Mutter Teresa, berühmt durch ihre Tätigkeit in Kalkutta, Friedensnobelpreisträgerin, durch den Vatikan selig gesprochen, hat in einer us-amerikanischen Umfrage den Rang der meistbewunderten Person des zwanzigsten Jahrhunderts erreicht. Bill Gates findet sich am anderen Ende der Skala wieder und Websites wie ‘I Hate Gates’ sprechen Bände. Aber wer ist Norman Borlaug? Was auf den ersten Blick ein einfaches Thema zu sein scheint, offenbart bei tieferer Betrachtung, dass die einfache Antwort wohl eine falsche Antwort ist.

Norman Borlaug gilt als Vater der ‘Grünen Revolution’, die agrarwissenschaftliche Erkenntnisse nutzt, um den Hunger zu bekämpfen. Ihm dürfte die Rettung mehrerer Milliarden Menschenleben zu verdanken sein – mehr als jedem anderen Menschen in der Geschichte.

Bill Gates setzt einen erheblichen Teil seines Vermögens direkt und indirekt für die Erforschung von Gesundheitsrisiken und die Entwicklung von Heilungsmethoden für heute zum Teil noch als Unheilbar geltenden Krankheiten ein.

Mutter Teresa folgte ihrem Armutsgelübte und betrieb ihr finanziell bestens ausgestattetes Missionshaus entsprechend ihrer eigenen Lebensauffassung: Ihren kranken Missionsgästen wurden viele Gebete angeboten; dafür mussten sie auf Analgetika weitgehend verzichten und die medizinische Versorgung war primitiv.

Steven Pinker meint, es sei nicht schwer zu verstehen, warum die tatsächliche Wahrnehmung dieser drei Menschen in der Öffentlichkeit sich so sehr von ihren tatsächlichen ‘guten Taten’ unterscheidet.

Mutter Teresa war die fleischgewordene Heiligkeit: Weiß gekleidet, traurige Augen und wenn sie fotografiert oder gefilmt wurde, dann fast immer mit sterbenskranken Menschen umgeben.

Bill Gates erscheint als absoluter Sonderling und er ist einer der reichsten Männer der Welt. Dass er ‘in den Himmel kommt’, erscheint so unwahrscheinlich, wie ein Kamel durch ein Nadelöhr zu bringen ist.

Norman Borlaug, mittlerweile 93 Jahre alt, hat sein Leben in Laboren und Non-Profit-Organisationen verbracht. Er hat die Medienwelt gemieden und befindet sich deshalb nicht in unserem Bewusstsein.

Steven Pinker bezweifelt selbst, dass diese Beispiele ausreichen, um jemanden zu überzeugen, statt Mutter Teresa Bill Gates in den Stand der Heiligkeit zu erheben. Aber sie zeigen, dass sich unsere Aufmerksamkeit durch eine Aura des Heiligen beeinflussen und beeindrucken lässt und wir so von einer objektiven Beurteilung des tatsächlich Geleisteten abgelenkt werden.

Mutter Teresa ist, zumindest in der jüngeren Geschichte, ein Prototyp der Medienmenschen, die es verstanden haben, die Menschen nicht über das Vermitteln von Fakten anzusprechen, sondern über die emotionale Ebene. In dem sie sich selber als moralische Instanz (’seht her’, ich tue viel Gutes’) darstellt, täuscht sie unseren moralischen Instinkt. Ihr Leiden ausdrückendes Gesicht vermittelte den Eindruck, dem personifizierten Guten gegenüber zu stehen und hielt (und hält noch heute) viele Menschen davon ab, zu Hinterfragen, was diese Frau da eigentlich gemacht hat. Obgleich die Menschen in ihrem Missionshaus in ärmlichsten Verhältnissen lebten, wagte niemand, die Friedensnobelpreisträgerin zu fragen, wo denn die Spendengelder in Millionenhöhe geblieben sind. Für die Ausstattung der Unterkünfte und die medizinische Versorgung der Kranken sind sie offensichtlich nicht verwendet worden. Unser moralischer Instinkt schaltet unseren Verstand aus. Diese Ordensfrau kann doch nur Gutes tun. Ihr Schlechtes zu unterstellen verbietet sich von selbst. Allein nur daran zu denken, einmal kritisch nachzufragen, wird von manchen Menschen schon als Sakrileg empfunden.

Getreu der Erkenntnis, dass Menschen lieber unterhalten als unterrichtet werden wollen, hat sie uns ihre Leidensmiene gezeigt, nicht aber die Jahresberichte (wenn es sie überhaupt gibt) ihres Missionswerks.

Einer ihrer bekanntesten Nachahmer war Karol Józef Wojtyła. Im Amt des Oberhauptes der römisch-katholischen Kirche merkte er sehr schnell, dass die Menschen nicht durch theoretische Ausführungen über den rechten Glauben zu erreichen sind, wohl aber über eine emotionale Ansprache. Die Leidensmiene, flankiert von regelmäßigen ärztlichen Bulletins, die die Echtheit des Leidens untermauern sollten, erreicht Wojtyla den Status einer hohen moralischen Instanz. Im Schatten dieser Aura warf er mit fragwürdigen Enzykliken und Kardinalsernennungen, mit Selig- und Heiligsprechungen nur so um sich, wie es die Kirchengeschichte nie zuvor gesehen hat. Sein direktes Ansprechen unserer moralischen Instinkte zeigte Wirkung. Die in der Regel nur an emotionalen Oberflächlichkeiten interessierte Öffentlichkeit nahm das alles hin, tröstete und täuschte sich selbst damit, dass dieser alte, leidende Mann doch nur Gutes für die Welt im Sinn haben könne. Die sich bei genauem Hinsehen entfaltende Wirklichkeit hat mit der scheinbaren Wahrheit jedoch nicht viel gemein.

Das gegenwärtige Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche hat erkannt, dass ihm die Rolle des vor der Kamera Dahinsiechenden nicht liegt und er auch nicht das passende Gesicht hat, um das Tragen von allem Leid der Welt auszudrücken. Er versucht, durch seine Stimme unseren moralischen Instinkt auf seine Seite zu ziehen. Durch monotone und artikulationslose Gleichförmigkeit des sprachlichen Ausdrucks versucht er den Eindruck von absoluter Reinheit zu erweckend. Wer so spricht, wer frei von wütenden, frei von freudigen, frei von erregten, frei von leidenschaftlichen Schwankungen in der stimmlichen Artikulation ist, so das Kalkül, muss seine Gedanken fest im Griff haben. Die Reinheit der Stimme soll eine Reinheit der Gedanken assoziieren und damit wiederum unseren moralischen Instinkten vorgaukeln, dass wir es mit einer moralischen Instanz zu tun haben. Der Inhalt der Rede wird kaum noch wahrgenommen, denn es kann ja nur Gutes sein. Der Trick scheint zu funktionieren.

Allerdings müssen wir gar nicht bis in die Vatikanstadt schauen, um das Ausspielen der ‘Moralkarte’ zu beobachten. Schaut man sich die Entwicklung unserer Bundeskanzlerin während ihrer bisherigen Amtszeit an, ist auch dort, neben den Bemühungen ihr äußeres Erscheinungsbild gefälliger zu gestalten, ein klares Anstreben des Status einer moralischen Instanz festzustellen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Hat ein Politiker erst einmal erreicht, als moralisch unanfechtbar zu gelten, spielt es keine Rolle mehr, welche Politik er macht (oder ob er überhaupt noch etwas macht). Allein das gezielte Beeinflussen unserer moralischen Instinkte, lässt den Politiker in einem positiven Licht erscheinen. ‘Was der/die macht, wird schon richtig sein.’ Für den so Beeinflussten ist das übrigens der bequemste Weg, denn er erspart das eigene Nachdenken.

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