14 Jan 08

Im Anschluss an einen Post auf WAT hat sich bei ONDAMARIS eine Diskussion zum Thema Lebensfreude und das Zeigen derselben entwickelt.

Darf ein HIV positiver Mensch zeigen, dass er dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, Freude am Leben hat?

Ja, er darf. Auch wenn er damit der allgemeinen gesellschaftlichen Erwartungshaltung nicht entspricht. Die Normgesellschaft erwartet von einem HIV infizierten Menschen, dass er unauffällig abwartet, was das Schicksal für ihn bereit hält und gegebenenfalls still vor sich hin leidet. Schließlich ist er selbst an seinem Ungemach schuld.

Ist er selbst schuld? Dieses ’selbst schuld’ rutscht uns bei der Beobachtung vieler Lebenssituationen schnell über die Lippen. Egal ob der Sonntagsbraten sich auf dem Herd infolge eines überlangen Telefongesprächs zu einem Stück Holzkohle entwickelt, ob nach dem gescheiterten Versuch, ein Bild aufzuhängen, der Daumennagel blau anschwillt, ob sich der PKW aufgrund unangepasster Fahrweise des Fahrers bei Glatteis im Straßengraben wiederfindet oder, nach reichlichem Alkoholgenuss, der Treppensturz mit bleibenden Folgen verbunden ist. Oder eben eine HIV-Infektion. Schnell heißt es, ’selbst schuld’.

Aber dieses ’selbst schuld’ hat unterschiedliche Qualitäten. Ist das ’selber schuld’ in Zusammenhang mit kleineren Missgeschicken, wie dem zu knusprigen Sonntagsbraten oder dem schmerzenden Daumennagel, eher eine schadenfrohe Beileidsbekundung, in der ein verständnisvolles ‘hätte mir auch passieren können’ mit klingt, so wird daraus bei anderen ‘Schadensereignissen’ schnell eine verurteilende Abstempelung als Täter. Und so darf jemand, der sich eine HIV-Infektion zugezogen hat, auch nicht auf Mitgefühl hoffen. Es hat sich seine Lebenssituation selbst zuzuschreiben. Das ’selbst schuld’ bedeutet hier so viel wie, ‘das geschieht ihm recht’. Und die Finger zeigende Normgesellschaft hat es natürlich ‘kommen sehen’ und hält die Infektion und eventuell spätere Erkrankung nicht selten für eine ‘gerechte Strafe’. Strafe wofür? Für ein nicht den Normvorstellungen anderer entsprechendes Leben. Je mehr das geschehene Missgeschick auch im eigenen Leben vorkommbar erscheint, desto milder fällt das ’selber schuld’ aus. Je mehr das Missgeschick jedoch als Folge eines Verhaltens erscheint, dass im eigenen Weltbild nicht vorkommt, desto verurteilender fällt das ’selber schuld’ aus.

Jemand, der sich aufgrund einer (vermuteten) unangepassten Fahrweise bei Glatteis mit seinem PKW im Straßengraben wiederfindet, wird eher mit der ersten Form des ’selber schuld’ bedacht, vielleicht verbunden mit dem Gedanken, ‘nur gut, dass ich selbst an dem Tag nicht unterwegs war’. Landet aber ein als notorischer Raser verschriener Autofahrer mit seinem PKW im Straßengraben, erhält das ’selber schuld’ einen unappetitlichen Unterton. Unabhängig, ob für den Unfall überhöhte Geschwindigkeit ursächlich war oder nicht, ‘musste es ja so kommen’ und ‘es geschieht ihm recht’.

Gerade die ‘ordnungsmäßigen’ Autofahrer fühlen sich und ihren Fahrstil bestätigt und freuen sich, dass der Raser endlich die Quittung für sein Verhalten bekommen hat. Das weitere Schicksal des Verunglückten interessiert sie nicht. Egal, ob er nur ein paar Schrammen davon getragen hat oder eine Querschnittlähmung ihn für den Rest seinen Lebens an einen Rollstuhl fesselt. Die Normgesellschaft ist kollektiv der Auffassung, dass der Raser an seiner Situation selbst schuld sei und sich deshalb demütigst in sein Schicksal zu fügen habe.

Nicht viel anders verhält es sich mit jemandem, der sich mit HIV infiziert hat. Hier bläht sich das ’selber schuld’ zum Ausspruch größter Verdammnis auf. Auch heute noch wird mit diesem ’selber schuld’ zum Ausdruck gebracht, dass man sich in seinem – häufig bar jeder Sachkenntnis – gebildeten Urteil in der Gesellschaft Gottes sieht. Das ist ‘die gerechte Strafe Gottes’, heißt es dann. Die Infektion wird als nahezu unabwendbare Folge des tatsächlichen oder zumindest unterstellten Lebenswandels angesehen. Und der Betroffene hat, zur Befriedigung der Selbstgerechten ‘mir könnte das nie passieren’-Zeitgenossen, gefälligst zu leiden. Denn Strafe bedeutet leiden. Und dem entsprechend präsentieren die Medien uns gerne Bilder von leidenden Menschen, damit wir alle genussvoll beobachten können, dass das Konzept von Schuld und Sühne funktioniert. Die höhere Gewalt macht, was von ihr erwartet wird, und die Welt scheint in Ordnung zu sein.

Was aber, wenn jemand, dem eine Leidensrolle zugedacht ist, der sich an seinem erwarteten, und nicht selten sogar erhofften Leid, scheinbar selbst schuldig gemacht hat, dieses Konzept von Schuld und lebenslanger Sühne nicht als das Seine ansieht? Was, wenn der, den die Kollektivgesellschaft leiden sehen will, keine dicken Kullertränen vor der Fernsehkamera vergießt? Was, wenn er es wagt, in die Kamera zu lachen und zu zeigen, dass er mit seinem Leben gut zurechtkommt. Vielleicht sogar besser zurechtkommt, als jemand, der ein steriles ‘mir kann so etwas nicht passieren’-Normleben führt. Der kollektive Zeigefinder, mit dem symbolisch der Bannfluch über den vermeintlichen Missetäter gesandt werden soll, verdorrt und die Gesichtszüge der sich insgeheim am Leid des anderen erfreuen wollenden, erstarren. Denn ihr Weltbild gerät ins Wanken. Ein Weltbild, das nicht selten ein Deckmäntelchen für ein moralinsaures, verkrampftes und normiertes Leben, häufig in Gestalt der so genannten traditionellen Familie, ist. Jemand der selber lebt, selbst ein gutes Leben lebt, wird sich niemals an der Lebensfreude eines anderen Menschen stören. Schon gar nicht wird er sich am Leid eines anderen Menschen erfreuen.

Wer aber normgerecht lebt und sich damit viele Freuden des Lebens nicht gönnt, braucht schon zur eigenen Rechtfertigung Missetäter und verunglückte Regelbrecher, auf die er mit dem Finger zeigen kann. Nur so kann er sein eigenes reduziertes Leben rechtfertigen.

Regelwächter wiederum brauchen die Schuldzuweisung und das Bild des Leidenden, weil sie es als Versinnbildlichung der Höllenqualen allen vorhalten, die sich nicht an ihre Regeln halten wollen.

Folgenlose und folgenschwere Missgeschicke, Fehlgriffe, unbedeutende und bedeutende Fehlentscheidungen, vermeidbar oder nicht, kleine und riesengroße Dummheiten: Wer sie in seinem Leben nicht entdeckt, sollte prüfen, ob er lebt! Die Einsicht in die eigene Unvollkommenheit, die nüchterne Analyse der eigenen Lebenssituation führt nicht nur zu einer erhellenden Selbsterkenntnis. Sie führt auch zu einer veränderten Einschätzung anderer Lebenssituationen und Lebensweisen. Neid ist dabei allerdings kein guter Ratgeber. Die Feststellung, dass es jemand anderem gut geht, obwohl es ihm nach kollektivem Verständnis doch eher schlecht gehen müsste, führt in eine Sackgasse, ebenso wie die missgünstige Verachtung derjenigen, die ihre Leben locker und leicht leben. Ob ein Leben lebenswert ist, muss jeder Lebende für sich selber entscheiden. Niemand hat das Recht, auf einen anderen mit dem verschärften ’selber schuld’-Zeigefinger zu zeigen und damit seine Verachtung für dieses Leben auszudrücken.

Das ’selbst schuld’ sagt mehr aus über denjenigen, der es ausspricht, als über denjenigen, für den es bestimmt ist.

Glücklich diejenigen, die sich während oder nach einer schwierigen Lebenssituation nicht in eine Opferrolle drängen lassen, die ihre Lebensfreude (wieder) finden und trotz oder gerade wegen alledem ein gutes Leben führen. Es wäre ein Fehler, daran herum zu mäkeln, vielleicht gar zu versuchen, dem Leidensrollenverweigerer einzureden, dass es ihm ohne ‘Vorgeschichte’ weitaus besser ginge. Im Gegenteil, sollte die oben erwähnte Analyse des eigenen Lebens ergeben, dass das eigene ‘Maß’ an Lebensfreunde hinter dem des Leidensrollenverweigerers zurück bleibt, sollten wir fragen, warum das so ist. Die Antwort werden wir nicht bei dem anderen, sondern nur bei uns selbst finden.

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