13 Dec 07

Beim Durchblättern einer englischen Zeitschrift bin ich über eine ganzseitige Anzeige gestolpert:

The hottest sugar boy….

seeks the sweetest sugar daddy

for only the finest candy!

Vom Text her hätte es eine Werbung der Confektioners’ guild sein können. Der in der Anzeige abgebildete smarte Typ mit verträumt-herausforderndem Blick deutete aber darauf hin, dass es um etwas Anderes ging. Und tatsächlich, im Kleingedruckten las ich:

Bringing together the rich and the beautiful

Weder die eine, noch die andere Voraussetzung erfüllend, hätte ich weiterblättern können. Aber nur, wirklich nur im Dienste der Wissenschaft habe ich mich auf den Internetseiten des Urhebers der Anzeige, gayarrangement.com, umgeschaut.

Naja, ich habe schnell bestätigt gefunden, dass ich weder als sugar boy, weil wohl nicht mehr jung genug, noch als sugar daddy, weil nicht materiell vermögend genug, in Frage komme. Allerdings war ich doch erstaunt, wer sich alles für einen sugar boy hält. Meine virtuelle Fleischbeschau führte jedenfalls vielfach zu der Einschätzung, dass ich, selbst wenn ich genug Geld hätte, für die meisten Jungs, die sich dort anbieten, keinen Cent oder Penny locker machen würde. Denn um nichts anderes geht es dort. Sex für Geld! Geld für Sex! Da mögen die Betreiber der Plattform sich noch so winden, mögen noch so sehr darauf hinweisen, dass es viele ältere Männer gäbe, die sich nichts sehnlicher wünschten, als einem jungen attraktiven Mann (oder mehreren) ein schönes Leben zu ermöglichen. Und dass es viele Jungs gäbe, die sich einen väterlichen Partner, der sie von finanziellen Sorgen befreie, wünschen würden. Durch die darin steckende Gleichsetzung von ’schönem Leben’ und ‘materiellem Luxus’ wird die Fragwürdigkeit dieses Konzeptes deutlich. Und es offenbart die mentale Schieflage derer, die sich dieses Konzeptes bedienen, um Kontakte anzubahnen.

Technisch ist das Ganze eine herkömmliche Datingplattform. Allerdings können die persönlichen Angaben standardmäßig um die Einkommens- und Vermögensverhältnisse ergänzt werden und wer sich für einen sugar daddy hält, kann angeben, wie viel er bereit ist, springen zu lassen. Und wer meint, ein sugar boy zu sein, kann seine finanziellen Erwartungen klar machen.

Brauchen wir das??

Geld ist doch kein Maß für den Menschen!

Ich habe kein Problem damit, wenn jemand für Sex bezahlt oder jemand für Geld seinen Körper zur Verfügung stellt. Noch brauche ich für die Befriedigung meiner körperlichen Bedürfnisse niemanden zu bezahlen. Aber ich werde älter und, trotz hoher Instandhaltungsinvestitionen, nicht unbedingt sehenswerter. Gerade das Stöbern durch gayarrangement hat mir deutlich gemacht, dass ich mich, auch wenn keine klaren Altersgrenzen genannt werden, bei entsprechenden finanziellen Mitteln, wohl eher als sugar daddy registrieren müsste. Ich finde aber, es sollte dann auch eindeutig und klar benannt werden, worum es geht. Dieses Getue, diese Plattitüden über Freundschaft und väterliche Sorge, diese Vater-Sohn-Verklärungen schlichter Sexbeziehungen sind doch nur der verkrampfte Versuch, davon abzulenken, dass es schlicht und ergreifend um Geld geht. Geld wird hier zum Maß für den Menschen! 

“Geld motiviert weder die besten Leute noch das Beste in den Leuten. Geld kann den Körper bewegen und den Verstand beeinflussen, aber niemals das Herz berühren oder den Geist mitreißen” (Dee Hock, Die chaordische Organisation). Diese Erkenntnis, mit der Dee Hock erklärt, warum sich so viele gut bezahlte Manager immer wieder als absolute Nieten herausstellen, passt auch sehr gut auf intime zwischenmenschliche Beziehung. Wer für Sex bezahlen will (und kann), mag das tun. Aber jedem sollte klar sein, dass damit eine Dienstleistung eingekauft wird. Liebe, Zuneigung und Freundschaft sind aber keine Dienstleistung. Sie lassen sich nicht mit allem Geld auf der Welt bezahlen. gayarrangement versucht nun diese einfache Erkenntnis aus dem Blickfeld zu verdrängen und durch geldbasierte Beziehungen zu ersetzen. Dating mit Goldrand! Ob den sugar daddies klar ist, dass sie ihre sugar boys jederzeit an meinen mehr bietenden daddy verlieren können? Ob den sugar boys klar ist, dass ihre daddies sie vor die Tür setzen, wenn der nächste, noch viel süßere boy an dieselbe klopft? Im Grunde ist das alles eine Art Sklavenmarkt. Der mit dem größten Geldbeutel darf sich den süßesten boy aussuchen, die anderen verteilen den ‘Rest’ unter sich.

Es ist befremdlich, wie manche daddies und boys ihre (wirklichen oder erdachten) Vorzüge und inneren Werte anpreisen, um diese dann in einen Geldwert umzurechnen.

Lässt sich alles in Geld messen? Die Kommerzialisierung der Medien und aller anderen Lebensbereiche macht uns glauben, dass es so sei. Geld wird zum Maß aller Dinge. Der Wert eines Menschen wird in Geldwert ausgedrückt. Jugend und Schönheit wird so zum Wert an sich. Und diejenigen, die nicht das Adjektiv ‘beautiful’ für sich in Anspruch nehmen können, werden schmerzhaft zur Kenntnis nehmen müssen, dass sie auf einer Plattform wie gayarrangement nichts wert sind.

Ich verdenke es niemandem, der von sich unwidersprochen behaupten kann, jung und schön zu sein, wenn er die Bewunderung, die ihm zu Teil wird, in klingende Münze umsetzen will, denn das Dazugehören wird uns als Essenz des Lebens dargestellt. Tagtäglich werden uns verlogene Geschichten aufgetischt. Tagtäglich wird uns weisgemacht, dass Reichtum Schönheit bedeutet, und das Schönheit Reichtum bedeutet. Hässliche Menschen werden uns als schön verkauft, wenn sie nur Reich genug sind. Und es wird uns laufend eingetrichtert, dass für das Dazugehören schon ein paar Milliönchen auf dem Konto erforderlich sind. Der Normalverdiener zählt nicht mehr, er wird abgewertet. Er wird mit der Parole ‘Geiz ist geil’ abgespeist. Wie viele haben es geglaubt? Und wem hat es genutzt? Warum werden uns die Geschichten der Reichen und Schönen aufgetischt? Doch nur um unsere Habgier zu schüren. Und wem dient unsere Habgier, die geschürte Habgier der ‘breiten Masse’, einerlei ob sie über unser Streben nach geilem Geiz oder der Sehnsucht, dazuzugehören, getrieben wird? Sie dient nur der Befriedigung der Habgier einiger weniger. In diesem Sinne haben die Normalverdiener doch einen Wert, der sich in Geld ausdrücken lässt. Sie sind das Geld wert, das ihnen die Medien-, Sport- und Wirtschaftsstars wert sind. 

Warum schmeißen wir Leuten das Geld hinterher, die wir ungeschminkt auf der Straße (oder in der Sauna) nicht eines Blickes würdigen würden? Offensichtlich glauben wir, wenn wir die gleichen Socken und Unterhöschen wie unsere Stars tragen, wenn wir die gleichen Parfüms benutzen, wenn wir die gleiche primitive Sprache sprechen, wenn wir unsere gayromeo-Profile mit Bildern der Fußballspieler, die uns gerade als Schönheitsideale verkauft werden (sind wir eigentlich alle blind??) schmücken, wären wir wie sie. Aber nein, das sind wir nicht! Wir sind nicht wie sie, denn dazu fehlt uns das Geld, das wir ihnen gerade hinterher geworfen haben. Unsere Habgier nach dem Dazugehören macht uns arm (nicht nur materiell) und zwingt uns, Geiz geil zu finden.

Wer wirklich schön ist und die Möglichkeit hat, sich allein dafür bezahlen zu lassen, kann schwerlich dafür verurteilt werden. Die sugar boys sind in der ausgeprägten Form, wie wir sie gegenwärtig beobachten dürfen, Kinder unserer Zeit. Aber auch ihre geschürte Habgier, die sie zur Selbstvermarktung und Selbstzurschaustellung auf den modernen virtuellen Sklavenmärkten treibt, dient nur der Habgier anderer. Hier ist es die Habgier der Betreiber von gayarrangement. Denn sie sind es, die immer verdienen. Egal, ob sie gute, schlechte oder gar keine Kontakte arrangieren.

Bin ich nur neidisch auf die Reichen und/oder Schönen? Vielleicht. Ein Bisschen schon, denn ein gut gefülltes Bankkonto und ein vorzügliches Aussehen haben schon ihre Vorteile. Aber mein Neid hält sich in Grenzen. Denn ein Blick auf die Zahl der Klicks auf meinem gayromeo-Profil, meine Fußtapsenausbeute und die netten Nachrichten dort, zeigen mir, dass mein Marktwert im wirklichen Leben so schlecht nicht ist.

Ist das nicht zum Schreien? Jetzt bin bezeichne ich gayromeo schon als das wirkliche Leben, nur weil ich etwas gefunden habe, was noch unwirklicher ist, als die gayromeo-Welt.

Mein virtueller Spaziergang durch gayarrangement erinnert mich an den (tiefen) Fall des John Browne, The Lord Browne of Madingley, ehedem Chef von BP. Er hat, in jeder Hinsicht, für die Affäre mit einem sugar boy teuer bezahlt. Zu Verhängnis geworden ist ihm allerdings nicht die Affäre selbst, obwohl der sugar boy angefangen hat, den sugar daddy zu erpressen, als der daddy den boy nicht mehr wollte. Nein, gestolpert ist er über eine Falschaussage vor dem Gericht, dass ihm gegen die englische Blödpresse helfen sollte. Der daddy hat seinen boy über ein Datingportal für Anspruchsvolle (sugar boys!), ähnlich wie gayarrangement, kennengelernt. Das war dem Lord aber offenbar peinlich und deshalb behauptete er vor Gericht zunächst, der erste Kontakt zu dem sugar boy habe im Battersea Park stattgefunden. Beim cruisen also. Das Gericht maß der Art des Kennenlernens allerhöchste Bedeutung bei und tadelte den Lord.

Wäre es doch nur so gewesen, wie der daddy zunächst behauptete! Dann wären nicht sein Gelbbeutel und seine gesellschaftliche Stellung das Motiv für das (mehr oder weniger intensive) Kennenlernen gewesen, sondern nur er selbst, seine (erotische) Ausstrahlung, seine körperliche Attraktivität. Vielleicht wäre es, wenn das alles bei Mr Browne nicht so ausgeprägt ist, nicht zu einem sexuellen Kontakt gekommen. Aber dem Lord wäre so manches erspart geblieben.

Ich lerne daraus, dass Cruising-Kontakte immer noch die ehrlichsten Kontakte sind. Mann schaut kurz ob es passt, labert nicht lange rum, zieht’n Gummi drüber, kommt zur Sache (oder auch nicht). Fertig. Manchmal, in seltenen Fällen, ergibt sich mehr daraus. Mann vertrödelt keine Zeit mit dem Austauschen von Jugendfotos (eigenen und fremden), muss sich nicht über fehlerhaft ermittelte Schwanzlängen erstaunt zeigen, niemanden wegen seiner ausgefallenen, aber nie in die Praxis umgesetzten, sexuellen Vorlieben bewundern (oder bemitleiden) und Mann muss keine ausgefeilten Profile mit möglichst vielen und möglichst attraktiven verlinkten ‘Freunden’ und einer viel sagenden Clubliste anlegen. Es ist einfach real. Und Mann setzt sich einer schonungslosen Augenblicksbewertung aus. All’ das, was Mann im Internet an- und vorgeben kann, zählt nicht. Das bringt auch Enttäuschungen mit sich. Aber genauso wie die Live-Kontakte nur oberflächlich sind, halten die Enttäuschungen nicht lange an. Und das ist der große Unterschied. Mann verliebt sich nicht in Zerrbilder fremder Identitäten und bleibt mit den Füßen auf dem Boden.

Wichtig is’, wat auf’m Platz is’!!

Und deshalb gehe ich jetzt noch ein bisserl raus in die wirkliche Welt. Wir seh’n uns!

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  1. [...] The Lord Browne of Madingley zwei Jahre nachdem er von einem sugar boy zunächst erpresst und dann geoutet wurde. [...]



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