‘Inschrift’ an den colonnades
In London, im Westen des Royal Borough of Kensington and Chelsea, in der Nähe des Earl’s Court liegt der alte Friedhof von West London und Westminster, der Brompton Cemetery. Dieser Friedhof wurde ab 1836 angelegt. Viele der alten Gräber sind noch vorhanden, aber stark verfallen. 35000 Grabmale sollen sich dort befinden. Insgesamt vermittelt dieser viktorianische Friedhof eine unheimliche Atmosphäre und, je nach Lichtstimmung, wundert sich der Besucher nicht, dass dieser Friedhof die Kulisse für mehrere Filme (zB Golden Eye, Johnny English) geboten hat. Die Fans von Grauhörnchen kommen auch auf ihre Kosten, denn es wimmelt auf diesem Friedhof nur so von dieser amerikanischen Eichhörnchen-Variante.
Aber der Cemetery ist auch eine gefragte Cruising-Area. In der Nähe von ‘Bromptons’ und ‘The Coleherne’ bieten insbesondere die colonnades der zentralen Gebäude reichlich Möglichkeiten des dezenten Abcheckens und Kontaktaufnehmens.
Auf dem Friedhof gibt es schon seit Jahren eine deutlich wahrnehmbare Polizeipräsenz, meistens sind die Bobbies auf Montainbikes unterwegs. Die einen sagen, um die ‘Öffentlichkeit’ vor den Cruisern zu schützen, die anderen sagen, es sei genau umgekehrt.
Brompton Cemetery – sadly this is now (and has been for many years) a major rendez-vous for the Earl’s court homosexual community (it’s northern gate gives them easy access). Basically it’s used as a giant knocking-shop and they are flagrant in their disregard for either it or the rights / sensibilities of others. The police know all about this but needless to say ignore the fact. Such is life in modern England. (Kommentar auf einem Londoner Blog)
Es verwundert nicht, dass den selbsternannten Wächtern von Sitte, Anstand, Moral und anderen Verklemmungen das Cruisen ein Dorn im Auge ist und sie versuchen, Stimmung gegen die Sexsuchenden zu machen. So wird behauptet, Cruiser würden nackt auf den Gräbern liegen, sie würden Grabaufbauten zerstören, sexuelle Handlungen in für andere Friedhofsbesucher wahrnehmbarer Form vornehmen. Überhaupt sei es ein Skandal, dass ein Friedhof für ‘Gay-Sex’ ‘missbraucht’ würde. Man solle an die vielen vielen Kinder denken, die das alles miterleben müssten, bla, bla, bla. Neuerdings haben diese Scheinheiligen sogar einen Verein gegründet. Per Aushang auf dem Friedhof werben sie um Spenden und beschreiben ihren Vereinszweck unter anderem mit “Durchsetzung der Interessen der Öffentlichkeit bei der Polizei”. Wie ich von Freunden aus London höre, organisieren diese Herr- und Damschaften sogar Privatpatroullien auf dem Cemetery (Moskauer Verhältnisse), um Cruiser zu verschrecken.
Was soll der Quatsch? Offensichtlich haben einige Law-and-order-Heinis einen neuen Spielplatz entdeckt. Denn was sie nicht sagen: Die Wochenendausflügler in Gestalt von Familien mit Kindern hinterlassen wahre Müllberge auf dem Friedhof, die einzigen Spuren der Cruiser aber sind Fußabdrucke im Gras. Spielende Kinder zerstören Reihenweise die historischen Grabmale, die einzigen Zerstörungen der Cruiser aber sind hier und da eingeritzte Telefonnummern. Senioren beiderlei Geschlechts vertreiben sich die Zeit vom dem Füttern von Grauhörnchen, Raben und Tauben. Gerade die Taubenkacke setzt den alten Gemäuern mächtig zu. Mindestens ein Frauenfitnessclub nutzt den Friedhof und die Grabflächen für open-air-Gymnastik. Jogger, Skater und Radfahrer nutzen den Friedhof reichlich für ihre Aktivitäten. Das alles führt dazu, dass auf dem Friedhof kein einziges halbwegs ungestörtes Plätzchen für ‘Gay-Sex’ zu finden ist. Der Cemetery dient, früher war es vielleicht mal anders, nur noch zur Anbahnung von sexuellen Aktivitäten, aber nicht zum Vollzug derselben.
Natürlich sieht man hin und wieder Männer, die sich umarmen, küssen oder Händchen halten. Den Kleingeistern ist das schon zu viel. Weil das aber für eine (ver-)öffentlich(t)e Empörung nicht ausreicht, wird die Legende vom übertrieben triebhaften Treiben auf diesem Friedhof von interessierter Seite am Leben gehalten.
Hier ein paar Eindrücke von diesem Friedhof, der, so oder so, auf dem Programm jedes London Besuchers stehen sollte.
Vorsicht, am Ende der colonnades ist einer dieser ‘gefährlichen’ Cruiser zu sehen:
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