Im Vereinigten Königreich wird schon seit langem wesentlich mehr Videoüberwachung öffentlicher Räume durchgeführt, als in Deutschland. Dies scheint auch allgemein akzeptiert zu sein, denn die britischen Ordungsbehörden haben durchaus Erfolge bei der Verbrechensbekämpfung vorzuweisen. Von ’offizieller schwuler Seite’ (stonewall) ist auch kaum etwas Negatives zu hören, hat die Videoüberwachung doch schon mehrfach entscheidend zur Aufklärung antischwuler Gewaltverbrechen beigetragen. In London wird sogar der Eingang des ‘Bromptons’ von einer Verkehrsüberwachungskamera erfasst und der Besucherverkehr des ‘Bromptons’ kann im Internet beobachtet werden. Niemand nimmt daran Anstoß.
Im Rahmen einer Ermittlungsmassnahme der Polizei in New Brighton (Nähe Liverpool) artete die Videoüberwachung nun in reinste Schwulenfeindlichkeit aus.
Es gibt im Vereinigten Königreich ein Gesetz, das Sex auf öffentlichen Toiletten explizit unter Strafe stellt.
Sexual activity in a public lavatory
(1) A person commits an offence if-
(a) he is in a lavatory to which the public or a section of the public has or is
permitted to have access, whether on payment or otherwise,
(b) he intentionally engages in an activity, and,
(c) the activity is sexual.
(2) For the purposes of this section, an activity is sexual if a reasonable person
would, in all the circumstances but regardless of any person’s purpose,
consider it to be sexual.
(3) A person guilty of an offence under this section is liable on summary
conviction, to imprisonment for a term not exceeding 6 months or a fine not
exceeding level 5 on the standard scale or both.
In New Brighton ist die Polizei nun hingegangen und hat auf einer öffentlichen Toilette, die an einer Durchgangsstraße liegt, und dem dazugehörigen Parkplätzen Videokameras installiert. Es hat wohl Beschwerden über gewissen Aktivitäten dort gegeben. Ich vermute, konservative Kleingeister werden die fragliche Toilette nur deshalb aufgesucht haben, um irgend jemanden bei irgend etwas zu beoachten, dass sie dann den Behörden petzen konnten.
120 Männer, darunter auch ein Polizeibeamter, wurden beim Sex gefilmt und anhand ihrer Autokennzeichen identifiziert. Zusätzlich hat die Polizei die nächsten Angehörigen und Nachbarn dieser Männer um Identifizierung anhand der Filmaufnahmen gebeten. Der größte Teil der Männer war – bis dahin - nicht geoutet.
Allerdings reichte das Beweismaterial nur für 32 Verwarnungen und 6 Gerichtsverfahren aus. Die Namen und Adressen der vor Gericht gestellten ‘Täter’ wurden der Presse mitgeteilt. Darunter ist auch ein 65jähriger Familien- und Großvater, der sich nun ’schuldig’ fühlt und sich in psychiatrische Behandlung begeben hat. Ein 51jähriger Familienvater sieht ein, dass es ‘Unrecht’ war, was er getan hat und schämt sich. Warum sagt diesen Männern niemand, dass Sex zwischen Männern nichts Außergewöhnliches ist, nichts wofür Mann sich schämen oder schuldig fühlen müsste? Sagt denen, dass sie nichts falsch gemacht haben, dass nur bei nächsten Mal aufpassen sollen, dass sie nicht wieder in die Fänge homophober Behörden geraten. Im Königreich gibt’s (noch) genug Möglichkeiten, ohne behördliche Kontrolle anonymen Männersex zu haben.
Natürlich bestreitet die Polizei, dass ihr Vorgehen diskriminierend gewesen sei, schließlich würde gegen Sex auf öffentlichen Toiletten unabhängig davon, ob es sich um Männer oder Frauen mit Männern oder Frauen handelt, vorgegangen.
Und dennoch ist dieser Vorgang schwulenfeindlich und zutiefst diskriminierend. Denn: Die Überwachungskameras wurden nur auf der Herrentoilette der Toilettenanlage installiert, nicht aber auf den Damentoiletten! Da aber sexuelle Handlungen auch dort vorgenommen werden können, stellt sich die Frage, warum nur auf der Herrentoilette gefilmt und überwacht wurde. Die Antwort liegt auf der Hand: Nur in der Herrentoilette waren Männen beim Sex mit Männern zu vermuten. Feige ist das Ganze übrigens auch noch. Wäre tatsächlich auf der Damentoilette gefilmt worden, hätte die Welle der (ver)öffentlich(t)en Empörung über diesen Vorgang wahrscheinlich alle irgendwie daran beteiligen Polizisten aus dem Amt gefegt. Die Polizisten wären als Spanner und sonstwas bezeichnet worden. Da es aber gegen Schwule/MSM geht, regt sich in der Öffentlichkeit nicht viel auf. Dass jeder, der einfach nur pinkeln wollte, gefilmt und von Polizisten begafft wurde, wurde wohl noch gar nicht realisiert. Vielleicht ändert sich die Haltung zu diesem Thema ja, wenn die ersten Aufnahmen der Überwachungskameras im Internet auftauchen und dort nicht nur Männer beim Sex, sondern auch ‘unbescholte’ Bürger bei der Verrichtung ihrer nicht sexuellen Bedürfnisse zu sehen sind.
Quellen:
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