Die New York Times (NYT) berichtete am 31. Oktober 2007 unter der Überschrift “In Rape Case, a French Youth Takes On Dubai” über die angebliche Vergewaltigung des 15jährigen Franzosen Alexandre Robert im Juli 2007 in Dubai.
Just after sunset, Alex says he was rushing to meet his father for dinner when he bumped into an acquaintance, a 17-year-old native-born student at the American school, who said he and his cousin could drop Alex off at home.
There were, in fact, three Emirati men in the car, including a pair of former convicts ages 35 and 18, according to Alex. He says they drove him past his house and into a dark patch of desert, between a row of new villas and a power plant, took away his cellphone, threatened him with a knife and a club, and told him they would kill his family if he ever reported them.
Then they stripped off his pants and one by one sodomized him in the back seat of the car. They dumped Alex across from one of Dubai’s luxury hotel towers.
Die Sympathien der englischsprachigen Blogger, die das Thema aufgegriffen haben, gehören Alex Robert. Und auf den ersten Blick scheint es tatsächlich so, als wollten die Behörden in Dubai mit Alex das Opfer zum Täter machen:
“They tried to smother this story,” Alex said by phone from Switzerland, where he fled a month into his 10th-grade school year, fearing a jail term in Dubai if charged with homosexual activity.
Alex told his father in tears: “I’ve just been raped by three men, and he[doctor]’s saying I’m a homosexual,” according to interviews with both of them.
Drei Anmerkungen:
1.
Ich möchte im folgenden nicht gerne missverstanden werden, deshalb: Das Erzwingen von Geschlechtsverkehr, egal in welcher Geschlechterkombination, ist nach meinem Rechtsempfinden eine Straftat. Eine Straftat setzt aber begrifflich voraus, dass die Tat überhaupt begangen wurde. Das bedeutet in diesem konkreten Fall, dass Alexandre Robert gegen seinen Willen anal penetriert wurde und
2.
dass dieses behauptete Verbrechen auch bewiesen werden kann. Ein Telefongespräch mit einem Journalisten ist kein Beweis.
Es gibt einige Merkwürdigkeiten.
The two adult men charged with sexually assaulting Alex have pleaded not guilty, although sperm from all three were found in Alex.
A doctor examined Alex the night of the rape, taking swabs of DNA for traces of the rapists’ sperm. He did not take blood tests or examine Alex with a speculum. Then he cleared the room and told Alex: “I know you’re a homosexual. You can admit it to me. I can tell.”
The doctor, an Egyptian, wrote in his legal report that he had found no evidence of forced penetration, which Alex’s family says is a false assessment that could hurt the case against the assailants.
In early September, after the family learned about the older attacker’s H.I.V. status and the French government lodged complaints with the United Arab Emirates authorities, the Dubai attorney general’s office assigned a new prosecutor to the case. Only then were forensic tests performed to confirm that sperm from all three attackers had been found in Alex.
Es geht also um das Sperma der angeblichen Vergewaltiger. Zunächst heißt in dem Pressebericht, es sei Sperma aller drei Männer “in” Alex gefunden worden. Dann wird aber beklagt, dass der Arzt keine gründliche Untersuchung vorgenommen hat. Mir stellt sich die Frage, wie der Arzt ohne Einsatz eines Spekulums einen zuverlässig verwertbaren Abstrich vorgenommen haben will, der eine DNA-Analyse mit dem Ergebnis, es sei das Sperma von allen drei Angeklagten in (!) Alex gefunden worden, erlaubte.
Der Vorhalt einer unzureichenden Untersuchung ist im Übrigen nicht zur Unterstützung von Alex’s Aussagen geeignet. Denn eine Vergewaltigung kann auch durch die Inaugenscheinnahme des inneren und äußeren Analbereichs (auch mit geeigneten Instrumenten) nur bedingt nachgewiesen werden. Eine Vergewaltigung kann durchaus ohne Verletzungen ablaufen, andererseits müssen festgestellte Verletzungen nicht zwingend von einer Vergewaltigung stammen.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein anderer Pressebericht vom 5. November 2007 in der time.com
Last July 14, Alexandre Robert, a 15-year-old French-Swiss youth living in Dubai with his hotel-manager father, was offered a ride home by an Emirati acquaintance from a beach club, where he was with a French friend. In the car were two local men. According to Alexandre, he was placed in the middle back seat, while the men drove the teenagers beyond the neon-soaked skyline and into the desert, where the three local men took turns raping him at knifepoint in the dark. His French friend was ordered to wait outside the car, and has told police he was not attacked.
Dieser Freund findet zwar auch in dem NYT-Artikel kurz Erwähnung, tritt dann aber nicht mehr in Erscheinung. Nach time.com handelt es sich hier aber mehr oder weniger um einen Augenzeugen. Warum wird er nicht befragt und warum geht die NYT nicht näher darauf ein? Hat er nichts gesehen, oder hat er etwas gesehen, was die Robert’sche Darstellung des Geschehens nicht stützt?
3.
Die NYT ist für im Allgemeinen gute Pressearbeit bekannt. Ich frage mich, warum diese dünnen Fakten um Alexandre Robert zu einem drei Druckseiten füllenden Artikel aufgebauscht und alle Angaben der Familie Robert unkritisch übernommen wurden. Die Antwort findet sich im dem time.com-Beitrag
Alexandre’s mother Véronique [...] a veteran political journalist, with connections at the top levels of the Elysée Palace and the French foreign ministry.
Véronique Robert has worked her journalistic contacts to press her son’s case, and got early word to Sarkozy of what had happened. In an Elysée meeting in July, Sarkozy told the UAE leader that he wanted “utmost attention” given to Alexandre’s alleged attack, according to a confidential diplomatic telex from the French ambassador to the Emirates to his bosses in Paris.
Es wird also ordentlich Druck gemacht. Druck, der offenbar über die dünne Faktenlage hinweg täuschen soll. Es wird alles so dargestellt, als befinde sich Alex nach wie vor in Gefahr und die ‘AIDS-Karte’ wird auch gespielt.
Most infuriating to Alex and his mother, Véronique Robert, is that police inaccurately informed French diplomats on Aug. 15, a month after the assault, that the three attackers were disease-free, the diplomats say. Only at the end of August did the family learn that that the 36-year-old assailant was H.I.V. positive. The case file contains a positive H.I.V. test for the convict dated March 26, 2003.
“They lied to us,” Ms. Robert said. “Now the Damocles sword of AIDS hangs over Alex.”
So far the teenager has not tested positive for H.I.V., but he will not know for sure until January, when he gets another blood test six months after the exposure.
Nun ist es zum einen nicht Aufgabe der UAE-Behörden, ohne weiteres über den Gesundheitszustand eines Beschuldigten Auskunft zu geben und zum anderen, da Alex sich in der Schweiz aufhält, hat er Zugang zu ausgezeichneten Medizinern und könnte sich gründlich über das Thema AIDS/HIV informieren und sich ebenso gründlich untersuchen lassen. Das würde ihm vielleicht seine Ängst nehmen.
Natürlich hat die erfahrene Journalistin Véronique Robert bereits eine Internetseite gestartet, boycottdubai.com, versäumt es aber auch dort, sachdienliche Informationen zu veröffentlichen. Zwar gibt es vielerlei Gründe, Dubai und die Vereinigten Arabischen Emirate zu boykottieren, aber Frau Robert beschränkte sich darauf, Stimmung in eigener Sache zu machen.
Und natürlich hat die erfahrene Journalistin ihrem Sohn genau aufgetragen, was er der Presse zu sagen hat:
“Sometimes you feel crazy, you know?” he said. “It’s hard, but we have to be strong. I’m doing this for all the other poor kids who got raped and couldn’t do anything about it.”
Rührend. Und doch, irgend etwas ist schief gegangen. Die International Herald Tribune (IHT) übernimmt regelmäßig Artikel von der New York Times, in deren Mehrheitsbesitz sie sich befindet. Ebenfalls unter dem 31. Oktober 2007 meldet die IHT “Dubai and rape: French youth tells his story”. Der Artikel ist vom selben Verfasser und nahezu wortgleich mit der NYT-Meldung. Aber er enthält einen Satz, der in dem NYT-Artikel fehlt:
Alex says he wants to see his attackers executed or jailed for life
Executed!
Hier wird nicht das Opfer zum Täter gemacht, hier macht sich das Opfer zum Täter. Und zwar in einer ganz entsetzlichen Art und Weise. Ich habe viel Verständnis, falls sich die Dinge so zugetragen haben, wie Alexandre Robert es behauptet, für Alex’s Wut. Ich möchte nicht mit ihm tauschen. Aber nun stellt er sich auf eine Stufe mit den Tätern. Schlimmer noch, er fordert nicht Gerechtigkeit, er fordert Rache. Er fordert die Ermordung dreier Menschen. Er fordert eine Strafe, die Frankreich, die Schweiz und die meisten halbwegs zivilisierten Staaten nicht mehr kennen. Er fordert eine Bestrafung, die in keinem Verhältnis zu dem steht, was ihm zugefügt wurde. Er fordert nicht ein anderes, besseres Rechtssystem für die UAE, nein, er will sich das barbarische Rechtssytem islamistischer Staaten, dem er fast selbst zum Opfer gefallen wäre, zu Nutze machen.
Offenbar ist dieser Satz beim redigieren und filtern übersehen worden. Eine andere textliche Abweichungen zwischen IHT und NYT spricht für ein journalistisches Zurechtrücken des tatsächlichen Geschehenen.
In der NYT heißt es (oben bereits zitiert):
Alex told his father in tears: “I’ve just been raped by three men, and he’s saying I’m a homosexual,” according to interviews with both of them.
In der IHT lautet die Formulierung:
Alex, outraged, said he told his father in tears: “I’ve just been raped by three men, and he’s saying I’m a homosexual because my anus is distended.”
Offensichtlich wurde der Satzteil “becauce my anus is distended” als eher gegen Alex’s Beteuerungen sprechend oder einen Gegenbeweis verlangend empfunden und in der NYT durch das die Wahrheit beschwörende “according to interviews with both of them” ersetzt.
Was steckt dahinter? Weiß ein 15jähriger was er sagt, wenn er die Hinrichtung von drei Männern verlangt? Eher nicht. Und vielleicht überschaut er unter dem Einfluss seiner Mutter auch nicht mehr vollständig, was sich tatsächlich ereignet hat. Ich habe jedenfalls erhebliche Zweifel an der Darstellung der Ereignisse. Allein das einerseits beklagt wird, Ausländer würden in Dubai von den Behörden benachteiligt und ihre Rechte missachtet, und andererseits die Forderung nach einer menschenrechtsverletzenden Strafe erhoben wird, wirft die Frage auf, welche Gründe Alexandre Robert und/oder seine Mutter für ihr Vorgehen haben.
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