31 Oct 07

In René’s gemütlichem Wohnzimmer sind wir auf ‘Schwules Blogging’ und dem Streben nach Freiheit zu sprechen gekommen.

 

Ich habe immer noch so meine Schwierigkeiten mit den Begriffen. ‘Schwules Blogging’, ‘Schwule Blogs’, gibt’s das? Dass ein Mensch schwul sein kann, weiß ich bestens. (Obwohl mir die Bezeichnung ‘Gay’ besser gefallen würde, aber, richtig ausgesprochen verstehen das viele hier in Deutschland nicht. Und ‘Guy’ ist nunmal nicht ‘Gay’). Also, ein Mensch kann schwul sein, aber eine Sache? Ein Zustand? Eine Tätigkeit? Im Grunde wohl nicht, aber nachdem Zauberer und Babies als ’schwul’ bezeichnet werden, ohne dass wir von dem einen (mangels tatsächlicher Existenz) oder dem anderen (mangels ausreichendem medizinischen Wissens) tatsächlich mit Gewissheit annehmen können, ob er oder es schwul ist, werde ich mich wohl oder übel an den recht lockeren Umgang mit dem Adjektiv ’schwul’ gewöhnen müssen. Und damit mir das nicht so schwer fällt, stelle ich das Wort ’schwul’ in einen Kontext, mit dem ich etwas anfangen kann: Schwule Freiheit.

 

Wenn ich René richtig verstehe, meint er in seinem Post mit ‘Freiheit’, die Möglichkeiten, so zu sein, wie er ist, und es auch allen zeigen zu dürfen. Das Internet ist für viele ein Weg in diese Freiheit. Diese Freiheit ist aber nichts Selbstverständliches, eher etwas Zufälliges. Die Kontrollierer, Überwacher und Freiheitsbeschränker liegen überall auf der Lauer. Auf ‘Liberal in Austria’ ist vor ein paar Tagen ein interessanter Post erschienen mit der Frage “Freiheit des Einzelnen? Brauchen wir das?” Die Antwort gibt der Verfasser des Posts eindrucksvoll, doch ein Blick in die Kommentare zeigt: Nicht jeder will das verstehen. Nicht jeder kann verstehen, was Freiheit überhaupt ist und was Freiheit im virtuellen Raum bedeutet.

 

Schwule Freiheit? Brauchen wir das? Auf den ersten Blick scheint die Frage nach Freiheit im virtuellen Raum, im Internet, nichts mit Schwulsein zu tun zu haben. Auf den zweiten Blick stellt sich das anders dar. Es gibt eine us-amerikanische Studie aus dem vergangenen Jahr, die sich mit dem Sexualverhalten der Männer in New York beschäftigt. Wer nicht den trockenen Text lesen mag, findet bei helix.twoday.net eine anschauliche Darstellung. Rund 10 % der Männer, die sich als heterosexuell bezeichnen, haben ausschließlich Sex mit Männern, so diese Studie. Nun mag man den methodischen Ansatz dieser Studie in Zweifel ziehen, und sie bezieht sich nur auf New York City. Aber nach meinen bescheidenen Erfahrungswerten wäre es nicht zu hoch gegriffen, hier in Deutschland den Anteil der Männer, die nur mit Männern Sex haben, sich aber nicht als schwul bezeichnen, auf 10 % und mehr zu schätzen. Auf ein paar Prozentpunkte mehr oder weniger kommt es aber gar nicht an, denn mir geht es nicht um Zahlenspielereien. Für diese Männer ist das Internet eine Möglichkeit, für viele sogar die einzige Möglichkeit, ihre Sexualität auszuleben und vielleicht Kontakte ins wirkliche Leben zu knüpfen. Es gibt kaum etwas Schlimmeres, als die eigenen Sexualität verleugnen und unterdrücken zu müssen. Wird sie nicht ausgelebt, kann (nicht: muss) sie sich auf ganz gefährliche Art und Weise entladen. Deshalb ist es gut, wenn Plattformen wie gayromeo vielen Männern, die sonst keine Chance sehen (wollen), ihre Sexualität zu leben, eine Möglichkeit bietet, Kontakte (nicht nur sexueller Natur) zu knüpfen. Hinter den vielen gesichtslosen Profilen bei gr stecken nicht selten sehr problematische Lebensbilder. Ich ärgere mich immer wieder über diese Profile, weiß aber auch, dass sie für viele Menschen überhaupt erst der Weg in ein offeneres Leben sind. Ohne Internet gäbe es diesen Weg nicht. Und Freiheit bedeutet auch, nicht unbedingt zu dem, was Mann eigentlich ist,  stehen zu müssen. Diese Selbstverleugnung gefällt mir nicht, aber ich nehme sie hin, denn es gibt auch im Deutschland des 21. Jahrhunderts viele nachvollziehbare Gründe, ‘in the closet’ zu bleiben.

 

Diese Freiheit, gerade die im letztgenannten Sinn, wird bedroht durch Online-Durchsuchungen und andere Überwachungsmaßnahmen. Gerade diejenigen, die unerkannt bleiben wollen, die, um bei gr zu bleiben, gerade so viel von sich offenbaren, dass ein Chat oder ein Realkontakt zustande kommt, müssen solche Überwachungen am meisten fürchten. Droht ihnen doch ein ungewolltes Outing. Und niemand kann mir erzählen, dass es bei anlass- und einzelfallbezogenem Ausspionieren bleibt. Wenn erst einmal die technischen Voraussetzungen geschaffen sind, wird die Begehrlichkeit der Überwacher immer größer. Beispiele dafür gibt es genügend (Kontenabrufverfahren als Stichwort). Und das Internet und unsere PCs sind für Rasterfahndungen, wonach auch immer, bestens geeignet. Und wenn sich das gesellschaftliche und politische Klima in Deutschland einmal ändert, wenn es vielleicht einmal interessant ist (nicht nur für Klatsch und Tratsch), welche Männer sich für Männer interessieren, dann ist das einmal geschaffene Intrumentarium schnell genutzt für entsprechende Auswertungen und Listenerstellungen.  

Aber ich muss gar nicht so weit gehen, um die Gefährdung der Freiheit aufzuzeigen. Es gibt genügend Beispiele, die zeigen, dass staatliche Überwachungsorgane nur allzu gerne ihre Kompetenzen überschreiten, dass sie aus Langeweile oder Neugierde einfach so überwachen. Oder dass sie Entdeckungen, die mit dem eigenlichen Überwachungsauftrag nichts zu tun haben, illegal verwerten.

Und denjenigen, die mit dem Vorhalt kommen, wer nichts zu verbergen habe, habe auch nichts zu befürchten, entgegne ich:

1. Wer hat den nichts, absolut gar nichts zu verbergen? Wer hätte denn wirklich gar nichts dagegen, das alle Details seines Lebens veröffentlicht werden?

2. Es gibt ausreichend historische Vorbilder dafür, dass die Überwacher aus verschiedensten Gründen Beweismaterial manipulieren oder erfinden. Da werden eben ein paar Dateien auf dem PC gefunden, die der Besitzer des PC dort nie angelegt hat. Dazu ein paar Verleumdungen und Verdächtigungen, und schon sind die Öffentlichkeit und der Richter von der Schuld überzeugt.

Schwule Freiheit hat mindestens zwei Seiten. Einerseits ist es die Freiheit, ‘Schwulsein’ nicht verstecken zu müssen und es in verschiedenster Form zu zeigen. Es ist andererseits auch die Freiheit, Homosexualität (ich mag hier nicht so gerne von ’schwul sein’ sprechen, denn ’schwul’ ist für mich eine Lebenseinstellung, die das sexuelle Empfinden mehr oder weniger deutlich zu Tage treten läßt) als höchstpersönliche Angelegenheit gegenüber dem Staat verbergen zu dürfen. 

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