Weil ich nebenan das Robert-Koch-Institut (RKI) erwähne, greife ich hier noch mal eine ältere Sache auf.
Der Spiegel hatte in seiner online-Ausgabe vom 24. Juli das Thema Syphilis thematisiert, und zwar in äußerst tendenziöser Art und Weise:
Größere Sorglosigkeit und häufigerer Partnerwechsel vor allem in der Schwulenszene sind maßgeblich für die hohe Zahl der Neuinfektionen verantwortlich, teilte das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin mit. Nach wie vor stecken sich homosexuelle Männer besonders häufig mit Syphilis an.
Das Ansteckungsrisiko liege im Homosexuellen-Milieu 200 bis 300 Mal höher als bei heterosexuellen Kontakten, so das RKI.
Ich habe mich darauf hin mit dem Epidemiologischen Bulletin Nr 29 des Robert-Koch-Instituts beschäftigt und die Verfasser folgendes Wissen lassen:
Epidemiologisches Bulletin Nr 29
‘Aufgeschreckt’ durch einige Meldungen, wie zB im Spiegel Online “Zahl der Syphilis-Infektionen steigt rasant”, und die damit verbundenen unseriösen Artikel, habe ich mich auf Ihrer Homepage auf die Suche nach belastbareren Informationen gemacht. Gefunden habe ich Ihr Epidemiologisches Bulletin Nr 29. Zwar unterscheidet sich die sprachliche Abfassung Ihres Bulletin wohltuend von der windigen Schlagzeilenmacherei, wie sie zu diesem Thema nicht nur im Spiegel zu finden ist. Gleichwohl halte ich Ihnen eine tendenziöse Darstellung Ihres Zahlenmaterials vor.
Sie bemühen sich auffällig, den Anteil von Infektionen aufgrund heterosexueller Kontakte klein zu reden, wenn Sie schreiben, “[...] muss davon ausgegangen werden, dass sich nicht nur unter den Meldungen ohne Angabe von Infektionsrisiken,sondern auch unter den Meldungen mit Angabe eines heterosexuellen Risikos noch eine unbekannte Anzahl von Infektionen verbirgt, die über gleichgeschlechtliche Sexualkontakte erworben wurden”, oder Sie versuchen eine von Ihnen so bezeichnete ‘MSM-Epidemie’ als Ursache von heterosexuellen Übertragungen darzustellen. So heißt es, “In den übrigen Regionen scheint es sich vorwiegend um sporadische Übertragungen zu handeln, die möglicherweise in zunehmendem Umfang mit der MSM-Epidemie verknüpft sind.”
In Ihren Ausführungen ‘Die Syphilis-Epidemie bei MSM’ wie auch im weiteren Verlauf Ihres Berichts tauchen wiederholt die Worte “vermutlich”, “unter der Annahme”, “ein Grund mag damit liegen” auf. Letztlich stützen Sie sich zu einem großen Teil auf Spekulationen und räumen dann, auf Seite 261, ein, dass Ihnen die epidemiologische Bewertung Probleme bereitet, um schließlich auf der folgenden Seite die schlechte Qualität der von Ihnen verwendeten Daten zu beklagen. Allein diese Erkenntnis läßt an der Seriosität Ihres Berichts erhebliche Zweifel aufkommen. Die von Ihnen geschilderten Aus- und Bewertungsprobleme gehören an den Anfang einen wissenschaftlichen Bulletins und dürfen nicht irgendwo zwischendrin versteckt werden.
Sie haben zweifellos die Presseartikel zu diesem Thema verfolgt und gewiss wahrgenommen, dass die Presse, von Ausnahmen abgesehen, Syphils-Infektionen in dramatisierender Weise als Problem homosexueller oder schwuler Männer und als Folge deren Sexualverhaltens darstellt. Die von Ihnen, zwar nicht durchgehend, verwendete Formulierung “Männer, die Sex mit Männern haben” wird nicht übernommen, weil sich dann die zB für den Spiegel so interessante Frage, wer sich wie ansteckt, nicht klischeehaft beantworten ließe. Geschuldet ist diese fragwürdige Darstellung in der Presse auch der Art der Aufbereitung des Themas in Ihrem Bulletin. Sie haben der Presse die Steilvorlage für die Vermischung von Halbwissen und dummen Schuldzuweisungen geliefert. Besser wäre es, wenn Sie sich auf die Verbreitung gesicherter Informationen und ernsthafte Aufklärungsarbeit beschränken, und unredliche Spekulationen unterlassen würden.
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