3 Oct 07

Der russisch-orthodoxe Kirchenfürst Alexi II hat am Dienstag vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarates in Strassburg seine Sicht der Welt zum Besten gegeben. Die russische Nachrichtenagentur Novosti berichtet darüber. 

Alexi II hat erkannt, dass

in Europa und der Welt ist heute die Gefahr von Extremismus und Terror groß, auch von jenem, der sich hinter religiösen Losungen versteckt.

Die Ursache dafür sind aber nicht die nutzlosen Religionen selbst, sondern 

mangelndes religiöses Wissen sowie moralische Armut sind ein Nährboden für diese zerstörerische Kraft.

Und die Lösung hat er auch parat:

Deshalb bin ich überzeugt davon, dass die heranwachsende Generation die Möglichkeit haben muss, in einer öffentlichen Schule freiwillig [sic!] ihre religiöse Tradition gründlich zu lernen.

Gründlich fundamentalistisch meint er! Und er meint es wirklich so, denn

das schafft die Basis für ein friedliches Zusammenleben.

Ich doch ganz einfach, oder? Man trichtere den Menschen nur genügend Glaubensregeln ein, und schon sind wir alle Sorgen los. Wie schön, dass die großen Weltreligionen, ihre (An-)Führer und ihre Anhänger alle so friedlich sind.  Ein konkretes Beispiel für die Liebe und die Güte seine Kirche hat Alexi auch parat:

Die Kirche ist immer für die Erhaltung des Lebens in all seinen Erscheinungsformen eingetreten, sei es im Mutterleib oder bei einem Verbrechen.

Deswegen sei er gegen die Todesstrafe.

Hübsch macht er dass, gegen die Todesstrafe sind sicher auch die Mitglieder der Parlamentarischen Versammlung, und so fiel nicht weiter auf, das er ihnen, neben dem ‘freiwillig’ oben, hier die zweite Lüge untergejubelt hat. Denn es gibt sehr wohl “Erscheinungsformen des Lebens”, die Alexi, wenn es nach ihm ginge, und leider geht es in Russland auch mehr oder weniger nach ihm, gar nicht erscheinen würden. In einer Fragestunde der Fraktionschefs der Parlamentarischen Versammlung erklärte Alexi II, er halte die Homosexualität für eine Krankheit, die mit Kleptomanie zu vergleichen sei. Er sagte:

Warum wird Kleptomanie von niemandem zur Schau getragen? Dabei werben Gay-Paraden für Homosexualität und zwingen diese den Menschen auf, die weit davon entfernt sind,

und hält die Gay-Paraden für „Propaganda und Werbung von Sünde“.

Nur gut, dass die (russisch-orthodoxe) Kirche nichts zur Schau trägt und niemandem etwas aufzwingt.

Natürlich kann er, da er sich zuvor noch als Gutmensch gegeben und gegen die Todesstrafe ausgesprochen hat, nun nicht Zwangsbekehrungen oder Schlimmers für Schwule fordern, muss also etwas vorsichtiger sein und beschwichtigt deshalb:

Die Kirche ruft dazu auf, jeden Menschen, auch einen Sünder, liebevoll und barmherzig zu behandeln. Dabei dürfen wir orthodoxe Christen nicht von der ethischen Lehre der Bibel und von der apostolischen Tradition abweichen.

Dann muss er wohl bemerkt haben, dass er nicht im heimischen Russland an Putin’s Stammtisch sitzt und fügt ganz konziliant hinzu, dass manch einer anders denken möge, und niemand dürfe auf Grund seiner Anschauungen in Misskredit gebracht werden [das soll er wirklich von sich gegeben haben!!]. Aber niemand dürfe den Gläubigen verbieten, das, was sie für eine Sünde hielten, als Sünde zu bezeichnen, daher:

Wir können mit gutem Recht die Frage an die Gesellschaft richten, was unterstützt werden muss und was nicht.

Und diese Frage beantworte ich diesem Heuchler gerne. Seine ultraorthodoxe, jedes freie Denken und jede, von ihren Moralvorstellungen, abweichende Haltungen verdammende Kirche darf jedenfalls nicht unterstützt werden. Sehr wohl muss aber alles, was das klare, nicht glaubensverblendete Denken, die freie Meinungsbildung und die ungehinderte Entfaltung der Persönlichkeit fördert, unterstützt werden. Und ich hoffe, dass er mit seiner Einschätzung, der zufolge

in Russland, der Ukraine, in Weißrussland, Moldawien und anderen Ländern Mittel- und Osteuropas der Glaube wieder auflebt und die Menschen immer aktiver am Leben der Kirche teilnehmen

nicht recht behält. 

Lord Russell-Johnston, britisches Mitglied der Parlamentarischen Versammlung, ist über die Reaktion   einiger seiner Parlamentarierkollegen wenig erfreut.

Lord Russell-Johnston mentioned that he had not been surprised by the Patriarch’s views, but was shocked to notice the smattering of applause which followed them among some of the MPs representing the Council.

Dem kann ich mich nur anschließen.

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