2 Oct 07

New York City gilt heute als eines der schwulen Zentren der Welt. Der Jahr für Jahr vielerorts (noch) gefeierte Christopher Street Day mit seinen Paraden und Festen erinnert an den Stonewall-Aufstand im Jahr 1969. Aber Schwule gibt es ja nicht erst seit den 60iger Jahren des vorigen Jahrhunderts in New York. Wer war eigentlich der erste schwule New Yorker?

Die Antwort ist ganz einfach: Ich weiß es nicht. Um die Frage zu beantworten, wäre zunächst einmal zu klären, wann jemand schwul ist. Reicht es aus, dass ein Mann Sex mit einem anderen Mann hat. Ist ‚schwul’ mehr oder anderes als ‚homosexuell’, und ‚homosexuell’ mehr oder anders als ‚MSM’? Muss Mann geoutet sein? Out, schwul, gay,… Begriffe die es in der Zeit von Harmen van den Bogaerts mit ihrem heutigen Bedeutungsinhalt noch nicht gab. Schon deshalb fällt es schwer, ihm die ‚richtigen’ Adjektive zuzuweisen. Er ist für seine sexuellen Neigungen verfolgt und bedroht worden. Ihm drohte eine harte Strafe. Deshalb, und weil er der erste ist, dessen Namen wir an den Anfang einer langen Liste von Menschen setzen, die in New York allein wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt, unterdrückt, gequält und ermordet wurden. Ein jahrhunderte langes Unrecht, dass zu den Stonewall-Riots führte, und das viele Menschen noch heute überall auf der Welt erdulden und erleiden müssen.

Harmen Meyndertsz van den Bogaert wurde im Jahr 1612 in Holland geboren und kam als einer der ersten niederländischen Siedler um 1630/31 nach Manhattan. Zu einer Zeit als Manhattan zwar schon Manhattan genannt wurde, aber noch niemand ahnte, dass das kleine Siedlerdorf einmal unter dem Namen New York zu den bedeutendsten Städten der Welt zählen wurde. Einst, von New York war noch nicht die Rede und die Niederländer nannten ihr neues Besitztum Nieuw Amsteldam, war Harmen ein einflussreicher Bewohner der niederländischen Kolonie am Hudson. Er war als Arzt (‚surgeon-barber’), Handels- und Entdeckungsreisender, wohl auch als Pirat und schließlich als ‚Commisary of stores for Fort Orange’ in der Nähe des heutigen Albany (NY) tätig. Er war verschiedener indianischer Sprachen mächtig und gab sogar Wörterbücher heraus. Sein Bericht über die Erforschung des Manhattaner Umlandes (‚A Journey into Mohawk and Oneida Country, 1634-1635: The Journal of Harmen Meyndertsz van den Bogaert’) ist noch heute eine viel zitierte Quelle in der amerikanischen Geschichtsforschung. Er hatte eine Frau geheiratet und war Vater von vier Kindern geworden.

Außerdem hütete van den Bogaert ein Geheimnis, dessen Entdeckung wohl das sichere Todesurteil für ihn bedeutet hätte. Er hatte eine Vorliebe für Männer. In der calvinistischen niederländischen Kolonie wie auch in den puritanischen englischen Kolonien war Homosexualität ein Verbrechen, das auf gleicher Ebene mit Mord stand. Van den Bogaert meinte, er habe in der Person seines jungen schwarzen Dieners Tobias eines diskreten Ausweg gefunden; wir wissen nicht, wie Tobias die Beziehung empfand, doch irgendwann wurden die beiden Männer in flagranti erwischt. Van den Bogaert flüchtete. Anno 1647 gab es in Neu-Niederland jedoch nur wenige Plätze, an denen man sich hätte verstecken können. Es gab keine Masse, in der man hätte untertauchen können – jeder kannte jeden. […] Nicolaes Coorn […] als Gesetzeshüter […] setzte einen Waldläufer namens Hans Vos auf die Spur des Flüchtigen und löste damit die wohl erste amerikanische Kopfgeldjagd aus. In einer Szene, die den Wilden Westen 200 Jahre später vorwegnahm, trieb Vos sein Opfer van den Bogaert in einem irokesischen Langhaus, das als Kornspeicher diente, in die Enge, und es kam zu einem Schusswechsel. Van den Bogeart, einst der Held der Kolonie, versuchte ein Ablenkungsmanöver und legte Feuer. Vos fing seinen Mann dennoch und brachte ihn zurück nach Fort Orange. Van den Bogart […] floh aus dem Gefängnis. Als er die Eisdecke des Flusses [Hudson] zu überqueren versuchte, fiel er in eine Eisspalte und ertrank“. [Zitiert nach Russell Shorto, New York – Insel in der Mitte der Welt, 2005]

Bogaerts Besitz auf Manhattan wurde verkauft und der Erlös den Indianern, die den Verlust ihres Gebäudes nebst Inhalt beklagten, zugesprochen.

Mit den Worten „wir wissen nicht, wie Tobias die Beziehung empfand“, stellt Russel Shorto in seinem ansonsten gut geschriebenen und mit vielen Quellenhinweisen versehen Buch eine böse Andeutung in den Raum. Tobias Seamon, das ist nicht der ‚junge schwarze Diener’, sondern ein amerikanischer Schriftsteller, der auch für The Morning News schreibt, stellt klar:

Despite the fact that the coupling was apparently consensual, with rape never mentioned in the records, the commissary was in very serious trouble.”

Harmen floh zunächst zusammen mit Tobias. Letzterer wurde nach fünf Tagen gefasst, über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

Seamon weiß noch etwas anderes zu berichten:

It appears that, along with gunpowder, advanced metallurgy, brandy, syphilis, and the Bible, aggravated homophobia was a European introduction to the Americas. Evidence of accepted homosexuality and lesbianism has been found among numerous New World tribes, including the Maya, Ojibwa, Sioux, Iroquois, Cheyenne, Omaha, and Aleut. The Iroquois may even have had explicitly homosexual ceremonies; in 1776, a French Jesuit wrote, “There are men unashamed to wear women’s clothing and to practice all the occupations of women, from which follows corruption that I cannot express. They pretend that its usage comes from their religion. These effeminates never marry and abandon themselves to the most infamous passions.” Whether the priest was accurately describing sacred rites or had simply stumbled upon a good party hardly matters; the Iroquois were in any event more tolerant than the authorities of New Netherland.” [Hervorhebung durch mich.]

Aggravated homophobia was a European introduction”! Eine bemerkenswerte und zweifellose sehr richtige Feststellung. Harmen Meyndertsz van den Bogaert war eines ihrer ersten Opfer auf amerikanischem Boden.

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